Das Tagebuch

Und nun bin ich ganz allein

Meinem lieben Lottenkind zugeeignet und geschrieben vom Tage Walters Eingerufung am 10. Dezember 1940

10. Dezember 1940

Und nun bin ich ganz allein. Ja, jetzt hat man auch Walter geholt. Trotzdem man ihm immer und immer wieder versichert hat: Sie als Ersatzmann II kann man bei uns nicht brauchen. Aber nach einem halben Jahr, neue Musterung und Walter wurde Ersatz I, da wurde es auch noch weit weit fortgewiesen. Aber ich dachte mir schon meinen Teil. Nur, die Jungen antworteten mir auf meine stille Frage: Nein, Mutter, wir sind noch lange nicht dran, erst komme ich, sagt Röbi, und ich war gestern auf dem Wehramt und da sagte man mir: Sie haben noch lange Zeit, Sie können ruhig Ihr neues Semester anfangen, man braucht Sie noch nicht. Ja Mutter sei ruhig, bis wir drankommen ist der Krieg vorüber und Walter kommt überhaupt nicht dran.

Also beide gingen weiter ihrem Studium nach. Walter zur Uni, Röbi zur Akademie. Walter belegte Jura in Köln, nachdem seit Kriegsausbruch Bonn geschlossen worden war. Röbi war Prof. Junghans‘  jüngster und bester Schüler und jeder, der etwas von Malerei versteht, verspricht ihm eine große Zukunft. Ja, wenn der Krieg, dieser unselige Krieg, vorbei ist. Ja, Liebchen, wann mag das sein. Gott weiß es wohl ganz allein, und er ließ ja dem Menschen seinen freien Willen. Und nun kommen wieder die Ferien, wieder war es August und schon bald hatten wir ein Jahr Krieg.

Ja, Liebchen, es war schon ungefähr ein Jahr, seit wir Abschied voneinander nahmen, der mir so bitter und schwer wurde, und wie oft habe ich mir schon die Frage vorgelegt: Wann sehe ich mein heißgeliebtes Kind wieder, ja, sehe ich sie überhaupt wieder. Manchmal sieht alles ja so bitter und schwarz aus, dass man meinen muss, nein, es kann nie und nimmer wieder gut werden, diese beiden Völker werden sich nie wieder achten lernen können. Aber was dann? Was soll denn dann aus uns werden, werde ich dann jemals mein Lottenkind wiedersehen?  So, in diesen Augenblicken schwand mir aller Lebensmut und in diesen Monaten richteten mich nur Pflicht, und Röbis unerschöpflicher Humor, Walters überzeugender Optimismus wieder hoch.

Ja, und trotz aller Versicherungen der beiden konnte ich nicht froh werden. Doch die Pflicht nahm viel Zeit in Anspruch, da kommen alle diese großen und kleinen Einschränkungen, da gab es mal vorerst alles auf Marken, sogar Kleiderkarten, keine Schuhe, und meine Söhne hatten meist ja nur das Paar, das sie trugen, dank der Freigiebigkeit ihres „Alten Herrn“, der diese Dinge ja noch nie für notwendig gehalten hatte und wo es schon in normalen Zeiten einen tollen Kampf zu bestehen gab, wenn ich für dich oder die Jungen etwas haben musste.

Für alles gab es Ersatz. Toilettenseife war nicht mehr zu haben, nur ein Ersatz, bestehend aus Bims und einem Zeug und ebenso für die Wäsche und alles auf Karten. Lebensmittel ebenfalls, Kaffee gar keinen, Butter wenig, ja, was soll ich sagen, alles zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Fett und Fleisch wurden immer weniger und so weiter und so weiter. Kartoffel hatten wir keine eingekellert, weil uns versichert wurde, es wären genug da, dann kam der Frost, und was nicht erfror, das musste für das Militär sichergestellt werden.

Was war da zu machen! Ohnehin sehr wenig, waren Kartoffel doch das Wichtigste, was man brauchte, um satt zu werden. Da wusste ich mir nur den einen Rat, sehen wo ich was bekam. In der Stadt bekam ich nichts, also aufs Land. Nicht umsonst hatte ich mir bei meinen jahrelangen Wanderungen Freunde auf dem Lande erworben. Die mussten mir helfen und da bin ich denn oft von Türe zu Türe gelaufen und habe sie gebeten, mir doch das Notwendige zu verkaufen. Oft vergebens. Oft auch mit Erfolg. Meist gegen Bezahlung, vielteils aber auch nur gegen Tausch.

Und da habe ich meine Mottenkiste zu Hilfe genommen und habe den Bauern alles gebracht, was ich hatte, dann bekam ich Eier und Kartoffel, Obst, auch schon mal Geflügel, und so lief ich dann von Woche zu Woche aufs Land tief hinein ins Bergische zu einsamen Höfen und holte alles, was ich kriegen konnte, so verging der Winter und so bekam ich dann auch oft so viel, dass ich anderen Leidensgefährten helfen konnte. Meist half ich Familie Reinemann. Bully ist auch schon oft mit mir gelaufen. Im Rucksack haben wir die Kartoffel geschleppt. Ja mit Bully und ihrer Mutter verband mich eine innige Freundschaft und oft in der Woche war ich bei ihnen und wir schütteten uns gegenseitig unser Herz aus, verbanden uns ja gemeinsame Sorgen, und ich habe mir oft dort Trost geholt.

Im Frühjahr gab es nun wieder mehr Eier, ich kaufte alles was ich kriegen konnte. Eier, die übrig waren, legte ich ein. Denn niemals glaubte ich, was man mir immer wieder sagte: der Krieg wäre in ganz kurzer Zeit aus. Nach den tollen Siegen müsse der Tommy klein beigeben. Nein, das glaubte ich niemals und dann hatte ich leider recht, auf einmal hieß es: Der Krieg dauert noch lange und so war es. Inzwischen ist Sommer geworden, ich ging in den Wald, suchte nur dort in der Einsamkeit Trost. Jetzt ging ich meist allein, hin und wieder ging Röbi einmal mit, aber lange hielt seine Begeisterung nicht an. Auch Walter bekam öfter Lust, aber dann war ich wieder allein.

Inzwischen kam die Erntezeit. Waldbeeren habe ich gesucht, habe sie eingesammelt für den Winter. Wie oft war ich im tiefen herrlichen deutschen Wald und gedachte deiner und dachte weiter, wie schön es sein könnte, wenn die Menschen es wollten. Aber sie wollen nicht und so wird es wohl sein, solange es Menschen gibt. Mit meinen Waldbeeren habe ich dann auch meine Freunde versorgt. Ja, und so kam dann auch bald der Herbst, ein Tag verging wie der andere, keine Nachricht von dir. Am Abend warteten wir dann auf unsere Freunde jenseits der Nordsee und so ging es weiter. Walter war in den Ferien als Werkstudent tätig. Röbi war meist zu Hause und studierte hier. Er malte sehr schöne Bilder von mir und war auch sonst sehr fleißig. Ich war glücklich, ihn noch hier zu haben.

Biba war längst fort, kam öfter auf Urlaub, war ein lieber Kerl. Karl Floeck war von Anfang an in allen Kämpfen und hatte schon vorher jahrelang Dienst gemacht. Herr Forschbach ist auch schon lange Soldat, ja, alle meine Wanderbekannten sind alle Soldaten, haben alle viel mitgemacht und wünschen alle dasselbe, dass es doch bald vorbei sein möge.

Liesel ist von Anfang an in Stellung bei der Wehrmacht und nun muss Bully auch fort. Unsere gemeinsamen Abende und Nachmittage, wo wir zusammen mit ihrer Mutter bei ihr meist zu Hause Freud und Leid teilten, Handarbeiten machten, Vermutungen austauschten, über die Zeit und ihre Übel diskutierten, ging vorbei, aber nicht der Krieg. Der Herbst kam und für den kommenden Winter musste gesorgt werden und wir taten es, so gut es in unserer Macht lag.

Und dann kam, was ich so lange fürchtete: Röbi bekam seine Einberufung, auf seinen Geburtstag bekam er seine Gestellung, dass er sich am 5. Oktober bereit zu halten habe. Wie furchtbar war mir das. Alles hätte ich gerne ertragen, aber auch das musste sein. So oft habe ich mir schon gesagt: Warum muss es denn sein. Warum. Ich denke zurück, wie meine liebe Mutter dieselbe Frage tat und ich mir sagte: Diesen Schmerz wirst du mal nie mitzumachen brauchen, denn nach dem Weltkrieg hieß es: Nie wieder Krieg! Und davon war man damals überzeugt.

Und jetzt! Nein es ist nicht auszudenken. Wenn ich jemals davon überzeugt gewesen wäre, dass dieses Leid wieder über die Menschheit gekommen wäre: Nein Lotte, dann hätte ich dich niemals nach England gehen lassen, denn wenn es mir auch nicht leid tut, dass du dort die Verbindung mit deinem lieben Mann eingegangen bist, würde ich es doch verhindert haben. Es ist zu schwer, all diese Ungewissheit zu ertragen, zu wissen, dass dort ein heißgeliebtes Kind sich genau dieselben Sorgen macht wie ich hier, nicht zu wissen, ob man sich je wiedersieht. Ja Lotte, es ist furchtbar.

So, nun zurück zu Röbi. Röbi hatte zuletzt schon manchen schönen Auftrag und sich viel Geld verdient und hätte noch manches verdienen können. Aber wenn jeder malt, kommt es anders als ich möchte und Röbi wurde aus seiner Arbeit herausgerissen, er musste fort. Wir kauften ihm alles Notwendige von seinem verdienten Geld. Hemden, Strümpfe, Brieftasche, eine sehr schöne Armbanduhr und alles, was er brauchte, und dann kam der Abschied.

Er war sehr sehr schwer. Walter brachte ihn fort. Ich konnte mich nicht fügen und es dauerte sehr lange, bis ich so weit war. Röbi war bei der schweren Kavallerie. Er hatte schon bald Unglück. Bei einer Übung stürzte er so unglücklich, dass er die Kniescheibe verletzte und ins Lazarett musste. Wie er gesund war,musste er wieder in Dienst, und nicht lange, da hatte er das Unglück, dass er vom Pferd stürzte, im Steigbügel hängen blieb, mitgeschleift wurde. Das Ende war, ins Lazarett im Gips, denn nun hatte er beide Kniescheiben heraus und musste nun längere Zeit liegen.

Er konnte nun nicht mehr ins Feld und ich hatte die Hoffnung, ihn wiederzubekommen. Aber das musste ich mir bald aus dem Kopf schlagen. Röbi war zwar nach seiner Entlassung aus dem Lazarett nicht mehr „felddienstfähig“ aber doch „garnisonsdienstfähig“, und so blieb er.

Doch dafür kam ein neuer Schlag. Walters Einberufung! Ja, ich tröstete mich mit vielen Müttern, die ihre Söhne ja schon so lange hergeben mussten, es blieb mir auch nichts anderes über. Und nun musste Walter am 10. Dezember auch fort. Ja Kind, was soll ich sagen, es war schwer, und wieder muss ich mich gewöhnen. Ich denke oft zurück an die Tage in England bei dir, wenn ich dir sagte: Wenn es Krieg gibt, dann ist es für eine Mutter am schwersten. Du meintest damals: Nein für mich wird es viel viel schwerer.

Ja Liebchen, heute kann ich mir zwar bestimmt denken, dass es furchtbar schwer sein muss, im fremden Land zu leben, sich um seine Lieben daheim zu sorgen, Vieles zu hören, nichts sagen zu dürfen, nichts zu hören von daheim, aber Lottenkind, seine Kinder eins nach dem andern abgeben zu müssen, in jeder Ecke von der Welt eines zu wissen, aber nicht wissen, ob und wann ich mal wieder vereint mit ihm bin. Ich glaube bestimmt das ist schwer, sehr schwer, zumal man kein Ende sieht. Trotzdem klammere ich mich mit aller Kraft an die Hoffnung, dass alles einmal zu Ende geht und wir alle wieder vereint werden. Ja Liebchen, warum haben die Menschen es alle so schwer.

Ich nehme, wo ich alleine bin, wieder Englisch. Meine Lehrer sind zwei junge Leute. Einer ein Engländer, ein junger Mann in deinem Alter. Ich erzähle ihm mein Leid, er mir seins. Er hofft, recht bald seine lieben Eltern wiederzusehen, und tut nun alles und hofft zuversichtlich, dass bald alles vorbei sein möge. Der andere ist ein amerikanischer Ingenieur, studierte hier und lebt in Südafrika, er ist seiner Mutter jüngster Sohn und hat seit einem Jahr nichts mehr von seinen Eltern gehört. Du siehst, alle haben Leid und alle hoffen, dass all das Furchtbare vorüber möge gehen.

Ja Liebchen jetzt habe ich dir alles Zurückliegende in großen Zügen geschildert, denn alles, was man mitmacht, kann man ja nicht zu Papier bringen und will ich auch nicht. Nur möchte ich, dass du einmal imstande bist, wenn du dieses Buch liest, dir ein Bild zu machen, wie wir gelebt haben wie wir alle täglich, nein stündlich an dich gedacht haben, immer um dich gebangt haben! Aber auch sollst du wissen wie wir gelebt haben.

Es könnte ja sein, dass wir nicht mehr zusammenkommen, dann ist es vielleicht möglich, dass ein Anderer dir diese Zeilen zukommen lassen kann. Doch nun habe ich am 10. Dezember angefangen, dieses alles aufzuzeichnen, am Tage, wo ich gerade Walter abgab. Ich will nun alles, was wert ist aufzuzeichnen, dir mitteilen in der Hoffnung, dass ich alles einmal selbst dir erzählen kann. Wenn nicht, ja Liebchen, dann ist es zwar nicht mein, sondern Gottes Wille, worin wir uns ja alle fügen müssen.

Anmerkung von Clare Westmacott: Biba war Röbis bester Freund. Karl Floeck war ein Nachbarjunge. Liesel und Bully waren Freundinnen meiner Mutter Lotte. Siehe auch „Menschen und Orte“ in der Einleitung.

12. Dezember 1940

Heute habe ich Briefe von Röbi und eine Karte von Walter. Walter teilt mir mit, dass er nur an mich denkt und mir einen langen Brief schreiben will. Röbi teilt mir mit, dass er wahrscheinlich am Sonntag mal kommen kann, er hat so Heimweh und freut sich auf Stunden, um alles wiederzusehen. Ich freue mich wahnsinnig, ihn einmal wieder hier zu haben, wenn auch nur für Stunden. Denn übernächsten Sonntag will er zu seinem Bruder, der ja noch in der Ausbildung ist. Ich sitze hier ganz allein im Hause. Aber da höre ich die Sirenen heulen, ich will aufhören. Gute Nacht Lottenkind!

14. Dezember 1940

Eins muss ich dir noch mitteilen und zurückgreifen und zwar zum August. Wir haben nun schon viele Angriffe gehabt und gottlob überstanden. Aber einer dieser Angriffe ist mir sehr schmerzvoll: Es ist Angriff, abends spät und mein Röbi noch nicht zu Haus. Ich bin sehr in Unruhe, aber ich kenne ja seine Vorliebe, er wird wieder bei Schuster, einem russischen Emigranten, sitzen, denn dort ist es immer sehr interessant, und so war es auch.

Dieser Angriff ist besonders heftig und spielt sich ganz in unserer Nähe ab. Es fallen Bomben, die Flak schießt heftig. Doch auch dieses geht vorüber. Es ist alles wieder still und bald nach der Entwarnung kommt auch dein liebes Brüderchen. Er ist sehr erregt, denn ganz in seiner Nähe hat es eingeschlagen und Frl. Jäckel hat eine Bombe ins Haus bekommen. Alles zerstört. Ich sah mir den Tag darauf die Zerstörung an. Ja Liebchen, wäre es doch einmal vorbei. Und so hatten wir noch manchmal Gelegenheit, dass in unserer Nähe sich dieses wiederholte.

Ich dachte immer an dich, wie oft habe ich versucht, ein Lebenszeichen von dir zu erhalten. Wie oft habe ich vergebens ans „Rote Kreuz“ geschrieben ans „Auswärtige Amt“. Keine Nachricht. Ich hatte es aufgegeben, da ich dachte, man könnte dir Schwierigkeiten machen.

Ich habe es dann Gott überlassen und eines Morgens im Oktober, nachdem auch mein lieber Röbi schon gegangen war, er war am 5. Oktober einberufen, und ich so recht einsam und verlassen, was liegt dann da im Briefkasten? Ein Brief! Großer Gott, von Lotte, mir wird heiß und kalt. Ich war auf dem Wege zu deinem Vater. Ich brachte nicht fertig, den Brief zu öffnen in der Angst, was mag er enthalten? Ich ging bis zum Atelier in der Schildergasse und öffnete ihn, und dann habe ich ihn immer und immer wieder gelesen.

Wie dankte ich Gott, endlich ein Lebenszeichen! Ich hielt es nicht lange bei deinem Vater aus, und musste dann doch Bully so schnell wie möglich alles sagen, damit sie auch endlich mal wieder eine Gewissheit über das Schicksal ihrer Lieben jenseits der Nordsee hatte. Ich war mal wieder froh und fasste wieder Mut. Was las ich nicht alles aus deinem Brief! Vor allem dass du, Liebchen, Mutter geworden warst. Ja, und ich konnte nicht bei dir sein. Ja, Lottenkind, so hart und grausam geht das Leben oft mit einem um.

So kommt eines Morgens, Walter ist noch da, einige Tage vor seiner Einberufung, Elfriede Reinemanns Mädchen und lädt mich und Walter zum Kaffee nachmittags ein, wir sollen früh kommen, denn sie hätten eine wunderbare Neuigkeit für uns. Na, was kann es anders sein als etwas von Lotte.

Wir machen uns zeitig auf den Weg und wie wir hinkommen ist der Kaffeetisch festlich gedeckt. Frau R. hat schönen Obstkuchen gebacken und beide, Bully und ihre liebe Mutter, kommen auf uns zu und gratulieren uns. Ja wozu denn? Wir haben doch nicht Namenstag oder Geburtstag. Nein, aber zur Großmutter und Onkel. Ja, wie wurde mir da, Kind. Lottenkind, ich dachte 28 Jahre zurück, wie ich einsam und allein lag und mein Töchterchen geboren wurde. Und nun liegt sie fern der Heimat, niemand bei sich, der ihre Sprache spricht, und bekommt ihr Töchterchen, mein Enkelchen.

Sie konnten alle nicht verstehen, dass ich nicht glücklich war. Ja Liebchen, Lottenmütterchen, wie mir da war, warum war das Schicksal so hart, dass ich nicht bei meinem lieben Kind sein konnte, warum wiederholt sich alles. Ich weiß es nicht. Wieder sage ich: Es muss wohl so sein. Ja, wie hat sich meine liebe Mutter oft nach mir und dir gesehnt und ich bin nicht zu ihr gegangen. Ich verdiene es sicher nicht anders. Ich will hoffen, dass ich dich bald wiedersehe und bis dahin, alles Glück auf dich und dein Kind. Ja, Reinemanns und Walter taten alles, um mich aufzuheitern, und so verging der Abend und wir gingen nach Hause.

Ein paar Tage später ging Walter und ich war ganz allein. Er ging sehr sehr tapfer fort, er wollte mir das Herz nicht so schwer machen. Er kam nach Lippe-Detmold, nicht weit von Röbi, der nach seinem Unfall in Paderborn stationiert ist, und Röbi kann ihn öfter besuchen und das ist gut, denn er hat es ziemlich schwer. Ja, Röbi ist ein guter, lieber Kerl. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass es unser Kleinster ist. Er muss immer alles für mich machen, muss alles erledigen als das Selbstverständlichste von der Welt.

Ja, Liebchen, und so bin ich denn ganz allein. Es ist nur schlimm, aber muss wohl so sein. Ja Liebchen, und hiermit beginnt eigentlich mein Tagebuch, welches ich von nun an führen will, um dir alles mitzuteilen, was du wissen sollst, alles, unsere Leiden, die wir in dieser schweren Zeit mitzumachen haben. Es kann sein, dass es bald zu Ende ist, dieses Völkermorden, es kann aber auch sein, dass es noch lange dauern kann, wie man hier allgemein sagt, was ich allerdings nicht denken kann, auch nicht will. Ja, und sollte es sein, dass ich das Ende gar nicht erlebe, dann werde ich sehen, dass du eines Tages, wenn Gott dich gesund hält und du die Möglichkeit hast, deine liebe Heimat wiederzusehen, dieses Buch erhältst, und dann kannst du dir ein Bild machen, was dein Volk alles gelitten hat.

Anmerkung von Clare Westmacott: Reinemanns waren Nachbarn und Freunde meiner Großmutter, Bully, die Freundin meiner Mutter Lotte, war die Tochter des Ehepaars Reinemann. Siehe auch „Menschen und Orte“ in der Einleitung.

24. Dezember 1940

Ja, und nun überschlage ich ein paar Tage, die angefüllt sind von Laufen und Arbeiten vor Weihnachten, heute haben wir den 24. Dezember: Nachdem ich alles zusammengeschleift hatte, will ich den Weihnachtsbaum machen und dann bin ich fertig und kann den Jungen schreiben, Walter einen langen Brief, dass ihn das Heimweh nicht so arg packt, denn Röbi sagt mir, dass er es sehr schwer hat. Ja, der arme Walter. Ja, und Röbi, ja, er ist der Kleinste, aber von ihm verlange ich alles, und er muss alles machen und man nimmt es ganz selbstverständlich hin. Er ist eben mein guter Junge. Also, er bekommt auch einen Brief.

Ja, und dann kommt Vater. Er ist in der ganzen Zeit derselbe geblieben. Er arbeitet immer noch und seine Arbeit ist ihm Lebensbedürfnis. Er ist auch ziemlich allein. Peter Recht, Dr. Schulte sind tot und damit seine engsten Freunde, und da Röbi nun auch nicht mehr da ist, hat er so ziemlich niemand mehr. Außer mir. Ja, und unser Leben kennst du ja. Mal so und mal so. Ich sorge für sein leibliches Wohl und er behauptet, dass ihn jetzt noch alles viel mehr kostet. Früher seine Kinder, heute die Steuern und dadurch natürlich ich. Aber trotzdem ich ihm immer und immer wieder sage, wir wollen, wenn es so schlimm ist, das Haus verkaufen und ich gehe auf ein paar Zimmer ins Bergische, bis der Krieg zu Ende ist, lässt er alles so weitergehen. Für mich ist das alles so schwer, ich sitze hier Tag und Nacht so allein und wenn ich meine Freunde nicht hätte, würde ich vor Alleinsein schon wahnsinnig.

Ja, wo bin ich stehengeblieben. Also Weihnachtsabend. Ich war so recht voller Leid, hatten doch deine lieben Landsleute jenseits der Nordsee uns Kölnern wieder einen Besuch abgestattet und speziell unser liebes Braunsfeld zwischengehabt. In dem Block, wo Reinemanns wohnen, ist alles zerstört. Es war furchtbar. Bully kam am Morgen nach dem Überfall und teilte es mir mit. Ja, das arme Ding hatte schon in letzter Zeit so viel mitgemacht, und jetzt dieses, wie schrecklich.

Als ich am Abend hinkam, wie war alles verwüstet, was ich den Tag vorher so ganz anders verlassen hatte. Er war alles so schön gewesen, alles so auf Weihnachten vorbereitet worden. Und nun diese Zerstörung, kein Zimmer mehr ganz, die Familie selbst wie durch ein Wunder dem Tode entgangen. Und da frug ich mich wieder! Wie wird das noch enden, kann das je wieder gut werden, wofür das alles?

Dieses alles wirkte in mir noch nach am Hl. Abend, dem ersten ohne meine Kinder. Diese selbst, wenigstens die Jungen, auch allein, ja Liebchen, wenn du auch das Herz voll Sehnsucht hattest, du warst aber nicht allein. Vater war sehr nett und wenn er auch über Walter schimpfte, der ihm nicht geschrieben hatte, so gestaltete sich der Hl. Abend ganz schön. Zumal wir auch keinen nächtlichen Besuch bekamen, merkten wir wenigstens in dieser Hinsicht nicht, dass Krieg war. Ich habe ein ganz kleines Bäumchen gemacht und haben wir uns zusammen über euch unterhalten und so verging der Hl. Abend.

Anmerkung von Clare Westmacott: Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs stand die Rhein-Ruhr-Region sofort im Fokus der britischen Pläne für einen strategischen Luftkrieg gegen Deutschland, und Köln war eines der Hauptziele. Parallel dazu wurde die psychologische Schlacht geführt mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung davon zu überzeugen, dass sie sich gegen das teuflische Regime erheben sollte. Dafür wurden vor allem Flugblätter abgeworfen und die deutsche Bevölkerung wurde in Radiosendungen angesprochen.

25.  Dezember 1940

Wir sind sehr spät aufgestanden haben lange gefrühstückt. Walter hat uns ein Schmucktelegramm gesandt, was mich sehr freute. Dann sind wir in den Escher See gegangen, es war herrlich und wir kamen erst am Nachmittag zum Essen. Wie es dunkel wurde ging Vater wieder zu seinem Atelier, er will Neujahr zurückkommen. Nun bin ich wieder allein.

2. Januar 1941

Ja, und dann kam Neujahr, Silvester. Oh wie schrecklich, wenn ich zurückdenke. Mit deinem Vater allein. Das, was ich wohl am letzten gedacht habe, das war. Ja, das hätte ich nicht zuletzt gedacht und nicht im Entferntesten gewünscht. Aber es war. Aber ich muss sagen, er war friedlich, und so ging Silvester vorüber und ich ging mit den heißesten Segenswünschen für euch drei, die ihr mir so fern wart, ins Jahr 1941. Was mag es uns bringen? Den Frieden? O gütiger Gott, gebe es doch zu. Ja, dann kam wieder bald der Alltag mit seinem Hetzen und Jagen. Röbi schreibt, dass er am 11. Januar in Tagesurlaub komme. Na, man freut sich schon mal wieder.

Alle Tage kommen und gehen. Nachmittags kommt Bully mal hin und wieder, macht Handarbeiten, abends gehen wir dann zusammen zu ihrer Mutter. Die einzige Abwechslung ist dann abends die Sirene, denn dann kommen unsere Freunde jenseits der Nordsee. Ja, oft haben sie uns schon toll zugesetzt. Schon mancher hat dran glauben müssen und da mir hier im Hause keinerlei Schutz zur Verfügung steht und dein Vater sich nicht von seinem Geld trennen kann, muss ich sehen, in den öffentlichen Luftschutzkeller zu gehen.

Ja, jetzt freue ich mich mal wieder toll auf Röbi, hoffentlich kommt er am 11., dann können wir mal wieder erzählen von allem Möglichen und viel von dir Lottenkind, von deinem Mann und von deinem Kind. Das schönste ist, wenn Walter von seiner Nichte spricht, man sollte sagen, er wäre der Vater. So zärtlich. Er zerbricht sich den Kopf, wie es wohl heißen mag. Dann kommt er, das Kind heißt selbstverständlich wie du. Wenn ich dieses anzweifle dann ist er empört.

Wir einigen uns schließlich, dass es uns doch gleich sein kann wie es heißt und schließen die Debatte, aber im Stillen sinniert er weiter. Wie mag es wohl heißen? Ja, ja. Walterchen, du zärtlicher Onkel. Der arme Kerl, er leidet sehr unter dem Fernsein von Hause, er hat es nicht leicht und seine Briefe sind voll heißer Sehnsucht. Wie lange mag er wohl fortbleiben müssen. Was mag sich noch alles entwickeln. O Gott, wenn ich hier allein sitze und nachdenke, werde ich verrückt.

3. Januar 1941

Heute ein Brief von Walter, ja Walters Briefe sind wahre Bücher, aber eine Freude, sein Hauptmann ist auf ihn aufmerksam geworden und er will ihn nach seiner Ausbildung als arabischer Dolmetscher anfordern. Wäre das schön! Ja, und nun Röbis Briefe, er schreibt so herzlich und lieb. Ich freue ich mich, wenn er kommt.

8. Januar 1941

Letzte Nacht war mal wieder ein ganz toller Luftangriff. Das hat noch mal gut gegangen. Bei Reinemanns haben sie vor Weinachten alles zerstört. Das schöne Haus, die armen Leute. Wann mag das mal enden. Aber alles ist Schicksal und ich will es auch so tragen. Und nun kommt Röbi doch nicht. Wie schrecklich, auch nicht die kleinste Freude wird wahr. Ich kann es gar nicht glauben, was er mir heute Morgen schreibt. Urlaubssperre.  Ja, und nun müssen wir uns wieder beide darin schicken. Da sitze ich nun schon mal wieder allein. Ich will heute Abend mal wieder nach Reinemanns gehen. Und dann, ja, vielleicht können wir dann schlafen gehen. Vieleicht aber auch nicht.

Anmerkung von Clare Westmacott: Ab Januar 1943 hatten die alliierten Bomber eine größere Reichweite und nutzten Radar und verbesserte Zielfindung. Briten und US-Amerikaner vereinbarten eine kombinierte Bombenoffensive, während derer Köln, die Ruhr-Städte und später Städte im Osten Deutschlands, darunter Berlin, Tag und Nacht bombardiert wurden, nachts von den Briten und tagsüber von den US-Amerikanern. Am Ende des Kriegs war Köln ein Trümmerhaufen, tausende Menschen waren tot, und den Überlebenden blieb fast nichts.

19. Februar 1941

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Es war nicht viel zu schreiben, immer dasselbe Elend. Am Tag Kampf ums tägliche Brot, nachts oft, sehr oft Fliegerangriffe und oft, sehr oft brachten sie fürchterliches Elend über unser armes Volk. Viele Städte, Düsseldorf, Köln, Hannover, Wilhelmshaven werden heimgesucht. Viele Tote, viel Elend. Wann mag es aufhören? Bis jetzt hat der liebe Gott deine Eltern und Geschwister geschont, aber wie lange noch, doch Herr, dein Wille geschehe.

Röbi und Walter sind Gott sei Dank noch immer im Land. Röbi kommt öfter auf einen Sonntag mich besuchen. Das ist das schönste in meiner Einsamkeit. Denn Liebchen, dein Vater fühlt sich sicherer in der Stadt und da lässt er mich ganz allein hier im Haus. Aber ich war ja nie in unserer Ehe mit ihm zusammen, stets hat er mich das Schwere allein machen lassen. Vieleicht fühlt er ja nicht seinen Egoismus. Ich habe hier gar nichts, keinen Luftschutzkeller, keine Gasmaske, nichts. Trotzdem sage ich mir, der Herrgott weiß, was er mit mir will. Wenn Gott es will, Liebchen, sehen wir uns wieder und sonst eben nicht.

Walter ist ein sehr armer Kerl, er leidet sehr und ich will hoffen, dass er bald nach Hause kommt, denn der Arzt hat ihn arbeitsunfähig geschrieben. Es war eine sehr gute Untersuchung für ihn.

Ich war bei Vater im Atelier, es war mal wieder eine böse Nacht und eine Bombe hatte in der Schildergasse eingeschlagen, 2 Minuten von Vaters Atelier. Gott sei Dank ist ihm nichts passiert. Gestern war ich bei Frau Nanzig, sie bat mich um einen Besuch, sie hatte Post von ihrer Tochter vom 15.11.40, vom 24.11.40 und vom 15.12.40. Drei Briefe. Die alte Frau war so glücklich. Ja ich musste daran denken, wie lange ich nun schon kein Lebenszeichen von dir habe und sagte mir unwillkürlich: Warum schreibt denn meine Tochter gar nicht. Sie ist noch nicht mal interniert, lebt frei und kann ihrer Mutter kein liebes Wort senden. Sie hat seit dem 15. Okt. ein Kind, ist selbst Mutter und weiß ihrer Mutter nicht ein Wort des Trostes zu schicken.

Käthe Herz schreibt in einem ihrer Briefe: „Lotte hat mir solange ich hier interniert bin noch nicht einmal geschrieben.“ Was soll ich davon halten. Ich weiß es nicht, Gott möge verhüten, dass dieses aus Eigennutz geschieht, aber ich will es auch nicht glauben, was sie dazu veranlasst, wird wohl kein Egoismus sein, denn das würde mich für immer von dir trennen.

Aber warum gar kein Lebenszeichen? Ja Lotte, der Herrgott hat für alles seine Vergeltung und schon hier auf Erden. Ich hätte auch meiner lieben Mutter manches besser machen können. Ja, da siehst du die Vergeltung und wenn du etwas tust, was deine Mutter schmerzt, durch deine Schuld, mein Kind, Gott sucht dich heim hier auf Erden. Denn gerade um dich hätte ich es nicht verdient. Aber wieder will ich es nicht glauben, wer weiß, wie du in der Fremde zu manchem gezwungen wirst. Wir wollen hoffen, dass sich alles mal aufklärt.

20. Februar 1941

Heute war ich mal wieder bei Frau Oberst Coleman. Ihr Mann ist nun in seiner Heimat. Er sorgt rührend für seine Frau und seinen Sohn. Er hat ihm Lebensunterhalt reichlich bis 1942 auf der Deutschen Bank deponiert, ebenfalls Lebensmittel, damit sie als Amerikaner vor Entbehrung gesichert sind. Ob Amerika noch aktiv in den Krieg kommt. Wir wollen es nicht hoffen. Beten wir zu Gott, dass dieses Völkermorden doch bald zu Ende sein möge. Es ist schon wieder spät, ich will zu Bett gehen. Ob wir Ruhe haben. Also Gute Nacht, Lottenkind, im Geiste sehe ich dich mit deinem kleinen Töchterchen reden von deinen Lieben zu Hause. Gute Nacht.

22. Februar 1941

Die ganze lange Zeit habe ich mich so gefreut, dass Röbi am Sonntag für ein paar Stunden kommt. Ja, das wäre zu schön gewesen. Heute Morgen kommt die Post und bringt einen Brief von ihm. Absender: R. R. S. Reservelazarett. Er liegt auf der Nase mit einer Grippe und ist sehr elend. Immer Enttäuschung. Dann noch eine zweite Enttäuschung: In der Zeitung steht das Verbot, dass man nicht mehr mit dem feindlichen Ausland schriftlich verkehren darf. Ja, so hörte jede Hoffnung auf, irgendetwas von dir, liebes Lottenkind, zu hören. Mein Gott, wofür werde ich so heimgesucht und jede Möglichkeit mit meinen Liebsten zusammen zu sein zerschlägt sich.

14. März 1941

Nachts 4 Uhr im Bett. Ich kann nicht schlafen. Vieles liegt hinter mir, tolle Luftangriffe. Nacht für Nacht, das Elend steigert sich. Ganze Straßen zerstört. Was ist noch ein Menschenleben. Alles geht vor die Hunde und wofür. Für Größenwahn. Die Blüte, unsere Jugend, verblutet wieder einmal. Letzte Nacht haben wir keinen Alarm, dafür hörte man am andern Tage, in Berlin, Hamburg, Bremen Großangriff. Auf dem Land setzt eine wahre Völkerwanderung ein, keiner will in der Stadt bleiben und wer es sich eben erlauben kann, ist fort. Im letzten Angriff, der mal wieder furchtbar die Innenstadt heimsuchte, bekam unser Erzbischof Kardinal Dr. Schulte einen Herzschlag, denn An den Dominikanern, also in die Nähe seines Palais, schlug eine Bombe ein. Röbi liegt noch krank im Lazarett. Und so geht es weiter am laufenden Band. Ich will aufhören, draußen höre ich Abwehrschießen, gleich wird wohl Alarm gegeben.

Anmerkung: Klara schreibt von „tollen“ Luftangriffen. Sie benutzt das Wort im ganzen Tagebuch im Sinne von „verrückt“, „wahnsinning“.

19. März 1941

Heute gehe ich einkaufen, ich schaue in den Briefkasten, dort liegt ein Brief mit amerikanischen Marken. Ein Brief von Amerika? Na, ich öffne ihn, er ist von einem Vetter, Janko. Na, ich las ihn, er teilt mir mit, dass alles bei dir in Ordnung ist, dass deine Tochter Clara heißen soll. Armes Kind! Warum? Soll es auch mal so viel Schmerzliches in seinem Leben mitmachen wie seine Großmutter. Man sagt ja bei uns, dass die Kinder nach ihren Paten schlagen und auch viel Gleiches erleben. Ja, da hätte ich, wenn es mir auch viel Freude macht, gewünscht, das Kind würde Roberta heißen, nach deinem Vater, denn dann würde es sich schon durchzuschlagen wissen und zwar mit viel Ellbogenfreiheit. Wenn es dann noch sein schönes Talent erbte, wäre mir um mein kleines liebes Enkelchen nicht bang.

Jedenfalls wünsche ich dem kleinen Klärchen alles Schöne und Gute, was die Welt ihm geben kann, zuerst gütige, verständnisvolle Eltern, denn dann hat es, was es vorläufig braucht, eine schöne Jugend, denn davon zehrt ein Mensch sein ganzes Leben, dann wird sich das andere finden. Aber darüber kann ich ja beruhigt sein, liebe Eltern hat mein kleines Enkelchen. Ich sehe im Geiste Jacks glückliches Gesicht über sein Kind gebeugt, ich sehe mein liebes Lottenkind als glückliche Mutter, die alles aber auch alles für ihr Kind tun kann.

Also in dieser Beziehung bin ich zufrieden, das Kind ist bei euch gut aufgehoben und ich will den lieben Herrgott bitten, dass bald wieder Friede unter den Menschen ist, und damit auch die Möglichkeit einer Verbindung, dann wird auch bald ein Wiedersehen möglich sein. Möge Gott es bald geben und möge er nicht zugeben, dass die Grausamkeiten noch lange fortdauern, dass sich die Menschen doch endlich besinnen mögen, zu welchem Zweck sie eigentlich auf Erden sind, sich glücklich zu machen.

Viele Luftangriffe haben wir schon wieder mitgemacht. Viel Unglück und Leid hatte es schon wieder über das arme Volk gebracht, wie viele sind schon wieder in einer Nacht obdachlos geworden, wie viele Kinder Waisen, wie viele Eltern verloren schon wieder ihre Kinder, wie viele ihre Geschwister. Jede Nacht kann es uns selbst treffen. Wie lange noch mag Gott uns beschützen, ja wie lange noch? Röbi ist nun schon so lange krank im Lazarett, Kopfgrippe oder, wie er sagt, eine weiche Birne. Ja, bin froh, dass er auf dem Weg der Besserung ist. Hoffentlich sehe ich ihn bald mal wieder.

27. März 1941

Wieder haben wir einen tollen Luftangriff hinter uns, diesmal haben es Deutz und Kalk und die Wohnhauskolonie von Humboldt erleiden müssen. Viele hundert Menschen obdachlos. Vorgestern bekam ich eine Ladung von der Gestapo und heute morgen war ich dort. Ein junger SS-Mann fragt mich, ob ich Beziehungen zu dem feindlichen Ausland hätte. Ich war erst erstaunt und verneinte, da wurde er grob und ich blieb ihm nichts schuldig. Als ich aus der Sache klug wurde, war es ein Brief von dir, der mich so verdächtig machte. Ich wollte den Brief haben und es entspann sich noch eine ziemliche Auseinandersetzung.

Ja, Liebchen, wenn du im Augenblick gewusst hättest, wo ich mich befand, ich glaube, du wärest leicht beunruhigt worden. Aber alles geht vorüber und ich zog mit meinem Brief ab. Natürlich wurde mir streng verboten, irgendwie Nachricht heraus zu lassen. Ja, so weit sind wir, dass wir nicht einmal von unsern Liebsten etwas Harmloses hören können. Ja, ich ging und in der Bahn las ich schon deinen Brief. Ich war so froh, dass ihr noch alle gesund seid. Ich habe ihn dann zigmal gelesen und bin zu Bully gegangen, sie hat sich auch unendlich gefreut. Danach, wie wir ihn alle auswendig konnten, habe ich ihn Röbi geschickt, damit er sich auch freute. Er muss ihn dann wieder zu uns senden.

Inzwischen geht der Krieg weiter und ich überlege, wie ich dir doch mal ein Lebenszeichen geben kann, dass es uns allen gut geht und dass wir alle gesund sind. Ich muss Bully fragen. Vieleicht darf sie noch nach ihrer Freundin schreiben. Frau Nanzig bekommt auch keine Nachricht, die arme alte Frau. Demnächst, wenn Röbi den Brief wiedergesandt hat, gehe ich zu ihr und lese ihn ihr vor, dann freut sie sich. Ich muss sie immer trösten.

Ja so geht das Leben weiter, schwer, sehr schwer. Walter hat Studienurlaub bekommen. Er hat sich auf der Uni wieder angemeldet und nun geht die Misere mit dem Alten wieder los. Er muss das Geld geben und da wird es immer schlimmer. Wenn man den nicht zwingt, dann bekommt man nichts. Wie das hier im Haus noch geht, weiß ich nicht, gar kein Schutz vor Luftangriff, keine Gasmaske. Keinen Raum, der sicher wäre, um sich aufzuhalten. Na, wir wollen es dem lieben Gott überlassen, er wird schon wissen, wofür alles gut ist.

Ostern, 13. April 1941  

Es hat sich nicht viel ereignet hier zu Hause. Röbi schreibt immer seltener. Walter macht sich für sein nächstes Semester bereit. Luftangriffe waren auch nicht viele, werden zwar für die nächste Zeit angesagt, aber das wartet man ja besser ab. Dein Vater wird immer schwieriger. Jetzt droht er Walter wieder. Er hat ihm durch den Rechtsanwalt P., den er wohl auch mit jeweiligen Geschenken gefügig macht, gedroht, ihm sein Studium nicht zu bezahlen.

Ich hatte einmal eine Unterredung mit Kurt, der mir riet, jetzt mal ganz energisch auf meine Rechte zu pochen, zumal ich das auch sehr nötig habe, denn ich muss nun heute endlich mal was für meine Gesundheit tun. Ich gehe nun zu Frau Schuhmann zur wöchentlichen Behandlung. Mein Herz will nicht mehr, es hat schon zu viel abgekriegt, und sie meint, wenn ich nichts für mich tue, sehe ich meine Tochter nicht wieder. Ich habe es bis jetzt von meinen armen Groschen bezahlt, aber ich kann es nicht mehr, zumal ich Walter auch durchschleppen muss. Denn der Alte gibt mir nichts für ihn. Ja ihr habt einen herrlichen Vater.

Kurt sagt, ich solle mal verlangen, endlich Einblick in unsere Vermögensverhältnisse zu bekommen. Frau Schuhmann verlangt, etwas für meine Gesundheit zu tun, mit Walter fängt sein altes latentes Leben wieder an. Ich wünschte, ich könnte endlich mal von all diesem Elend fort. Das einzige, was ich möchte, abhauen. Fort aus diesem Elend. Aus diesem ewigen Gezeter deines Vaters. Ich könnte für ganz wenig Geld tief in Westfalen sehr ruhig und gesund den Krieg abwarten. Eine befreundete Familie hat mich eingeladen, aber dann habe ich Walter am Hals, ihn hier ernähren und dort leben kann ich nicht, das ist zu viel für meine Finanzen und ich kann Walter nicht hier alleine sitzen lassen.

Ich will es dem Schicksal und der Zeit überlassen. Vielleicht hat Letztere auch mal etwas Gutes für mich. Wann mag der Krieg zu Ende gehen. Mein Gott, je länger es wird, je verwickelter wird die ganze Sache. Der Hass wächst nur mehr. Jetzt auch noch der Balkan. Wie soll das noch werden. Ob wir uns je wiedersehen? Oft sage ich mir, wäre das doch alles nicht gekommen. Ja, wenn ich da nachdenke.

Was hat dein lieber Vater schon alles durch sein liebloses Wesen für Unheil gestiftet. Wäre er damals nur ein bisschen verständnisvoller gewesen, dann wäre das alles nicht gekommen. Dann wärest du hier geblieben. Aber wieder sage ich mir, Gott allein lenkt unsere Wege und er weiß auch, wofür er das alles geschehen lässt. Ja das ist auch mein einziger Trost, Gott will es so.

Mit Reinemanns komme ich nun auch nicht mehr zusammen. Nach dem Unglück in ihrem Haus mag Frau Reinemann nicht mehr dort schlafen, sie fühlt sich nicht sicher und fährt täglich abends nach Odenthal schlafen. Sie müssen dann schon früh am Nachmittag gehen. Ja und da fallen unsere Abende aus. Frau Floeck ist meist in Bonn bei ihrer Schwester, sie will auch nicht allein sein und so hab ich schließlich keinen Menschen mehr als Walter.

Ja, und das ist ein Kapitel, das mir nur Sorgen macht. Was soll aus dem noch werden. Auch das überlässt man am besten der Zeit. Ich kann es nicht ändern. Nun ist er schon 24 Jahr und noch immer nicht selbstständig. Röbi war lange nicht im Urlaub, er hat lange im Lazarett gelegen an Grippe. Ich wollte ihn besuchen, aber er wollte es nicht. Ja ich werde oft aus niemand klug. Nun ist er wieder besser, ob er wohl bald mal wieder auf einen Sprung nach Hause kommt, wenn es auch nur für Stunden ist, man hat sich mal wieder.

Und so sitze ich hier und denke zurück, denke an dich, wie mag Lotte wohl Ostern verbringen? Ja, ich denke nur an dich, ich denke nur nebenbei an deinen Mann und ich muss gestehen, auch nur nebenbei an dein Kind. Ich denke nur an dich und sehne mich nur nach dir. Ich freue mich und danke Gott, dass du heute Mutter bist, dass du etwas hast, was dein Leben ausfüllt, was du liebst und was dir alles ersetzt, was dir Arbeit macht, damit du über diese entsetzliche Zeit kommst.

Ich bete zu Gott, dass er dir dein Kind gesund erhalten und es dir zum guten Menschen erziehen hilft und es dir nicht zu schwer macht. Ja und ich danke Gott, dass du einen guten Mann hast, der dir in Allem Stütze ist, zu dem du gehen kannst und dein Herz ausschütten kannst, wenn es dir zu schwer wird. Ich glaube doch, dass du das kannst. Ja, Liebchen, nun will ich Schluss machen für heute. Ich konnte nicht schlafen und sitze hier allein, es ist Nacht oder vielmehr Morgen. Es ist genau 5.20 Uhr. Was mag der Tag bringen?

Anmerkung von Clare Westmacott: Kurt Korsing war ein Freund der Familie, gehörte zu ihrem engsten Kreis und war einst mit meiner Mutter verlobt gewesen. Er war Anwalt.

19. Mai 1941

Lange lange habe ich nicht mehr geschrieben. Gestern war Muttertag. Ja, Liebchen, zum ersten Mal in diesem Jahr bist du nun auch Mutter. Röbi schrieb mir nicht trotzdem er es konnte. Ja, ich musste unwillkürlich in meiner Enttäuschung an dich, mein Lottenkind, denken, wie du doch immer an solche Tage dachtest und mich überraschtest. Ja, Liebchen, ob das noch mal wiederkommt? Ob wir uns noch mal wiedersehen.

Nach dieser Schreckensnacht bezweifele ich es. Furchtbar war der Angriff und um mich herum Einschläge. Nach dem Angriff brachen meine Nerven zusammen, ich musste furchtbar weinen, ich konnte mich nicht mehr halten, dann, es war morgens halb 4 Uhr, ging ich mit Walter das Elend ansehen, ich kam in die Voigtelstraße, da sah ich von Ehrenfeld Brände, nichts wie Brände, die Flammen schlugen zum Himmel haushoch. Eine Gummifabrik brannte. Wir gingen hin, ein Benzintank flog nachträglich in die Luft. Wir brachten uns in Sicherheit.

In der Nacht sahen wir noch drei andere Brände. Wir kamen über die Oskar-Jäger-Straße zurück zur Aachener Straße und von der Kitschburgerstraße war alles zerstört. Ich sah die Sparkasse, Kurts Wohnung, alles zerstört. Kurt war in seiner Wohnung, die Trümmer forträumen.  Ja, und in meiner Nähe an der Kirche die Häuser zerstört. Schlimm ist es, alle meine Lieferanten liegen in diesem Unglücksdistrikt, ich kann nichts einkaufen und das wenige, was man bekommt, kriege ich nun auch nicht.

In der Stadt die Hohestraße, das Rathaus, Mülheim, 18 Leute im Luftschutzraum getötet. Deutz viele Zerstörungen und wir kommen noch mal wunderbar durch. Der Fall Heß ist ja nun auch vorbei wie man hier sagt. Ob er wirklich vorbei ist? Ich weiß es nicht, die nächste Zukunft wird es lehren. Ich hatte schon gehofft, es würde nun plötzliche Änderung bringen, ich habe den lieben Gott darum gebeten, aber bis jetzt hat sich noch nichts geändert. Was wird kommen? Der Abend bringt nur Angst vor der Nacht und morgens sind wir zufrieden, wenn es wiedermal gutgegangen ist. Aber wie lange noch?

Käthe hat mir auch geschrieben, ich werde ihr antworten, vielleicht erreicht sie der Brief und durch sie auch dich mein Liebchen. Ach, wie sehne ich mich nach dir. Diese Sehnsucht hält mich nur hoch, nur allein diese Hoffnung lässt mich all das Elend mitmachen. Dein Brief machte mich glücklich, trotzdem ich hier zur Gestapo musste. Na, ich will nicht mehr daran denken, trotzdem es wert wäre, alles hier niederzuschreiben. Ja Kind, ich will nicht daran denken, zumal mir Gott wieder einen anderen Ausweg offen machte, durch Käthe mit dir zu schreiben. Ich will es wenigstens versuchen.

Anmerkung von Clare Westmacott:  Meine Großmutter erwähnt hier den Flug von Rudolf Heß nach Schottland, wo er ein Friedensabkommen mit dem Duke of Hamilton auszuhandeln hoffte. Heß wurde festgenommen und bis Kriegsende in Großbritannien gefangengehalten. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Im alliierten Militärgefängnis in Berlin-Spandau nahm er sich 1987 im Alter von 93 Jahren das Leben.

28. Mai 1941

Mutter, heute gibt es mal wieder Zunder, sagt Walter, lege dich angezogen etwas auf das Bett, wenn du müde bist. Das kann ich nicht, ich muss mich ausziehen, um zu ruhen. Also bleibe ich auf. Aber die Müdigkeit ist zu groß. Ich ziehe mich nun doch aus und gehe zu Bett mit dem Gedanken: Vielleicht kommen sie nicht, aber sie kommen, eine halbe Stunde später ist Walter an meinem Bett und weckt mich. Denn auch heute trotz allem habe ich den seligen Schlaf, den ich immer hatte. Ich höre keine Sirene und wenn ich allein im Hause bin, weckt mich erst der Tommy mit seiner herrlichen Musik und dann ist es zu spät für öffentliche Luftschutzkeller, dann überlasse ich mich gewöhnlich meinem Schicksal, was Gott für mich bereitet hat.

Also: Walter weckte mich, wir bekommen natürlich Krach, weil ich mich zu langsam anziehe. Und da mir das wichtiger ist als alle Tommys und Billys zusammen, lasse ich alles kommen, über mir das tollste Höllenkonzert, unter mir im Wohnzimmer Walters Schimpfen und ich ganz kalt. Na, ich gehe mal runter, ich gehe durch das Haus, da, was ist das? Die Erde, das Haus zittert, ein Pfeifen, die Hölle ist los, ich stehe unten zusammengekauert, ich zittere am ganzen Leibe und denke: Also das ist das Ende.

Da tritt Ruhe ein, ich lebe noch, Walter lebt noch und wieder geht es los. Walter kommt, wir stehen zusammengekauert, eng umschlungen, und erwarten das Unvermeidliche. Aber es kommt auch diesmal nicht. Ja Liebchen, es geht vorüber, die Entwarnung kommt. Ich gehe herauf, sehe aus dem Fenster, da, was ist das, ganz Lindenthal brennt. Wo ist das. Was mag es sein. Walter meint die Uni, nein, es ist mehr rechts. Wir können nicht schlafen, ich muss heraus.

Walter und ich gehen durch den Stadtwald, über uns ein herrlicher Sternenhimmel, aber wir haben keinen Genuss daran: Wir riechen Brand, wir gehen dem Feuer entgegen, überall Feuerwehrgeläute. Wir kommen zur Dürener Straße. Mein Gott, wie furchtbar! Ein Flammenmeer. Das Corsokino brennt, nebenan eine chemische Fabrik, der ganze Block Hitlerstraße, Lortzingplatz, Theresienstraße, Dürener Straße steht in Flammen.

Ich gehe zu Reinartz. Wie sieht es da aus. Brandbomben sind eingeschlagen, sie saßen im Keller und über ihnen brannte das Schlafzimmer. Den Kindern ihr bisschen Hab und Gut. Alle Schuhe, alle Papiere, Geld, Wäsche, alles, alles. Sie hatten gespart, sich auf ihren Urlaub gefreut und alles zunichte. Wir gingen still jeder in seinen Gedanken nach Hause, wir mussten noch eine Stunde wenigstens schlafen. Walter musste früh zur Arbeit und es war 5 Uhr wie wir nach Hause kamen.

29. Mai 1941

Heute nach Tisch ging ich, um mir Lindenthal anzusehen. Ich ging durch den Stadtwald durch die Wüllnerstraße. Da waren noch die Zerstörungen vom vorletzten Mal. Dr. Paas‘ Elternhaus zerstört, weiter zum Lortzingplatz. Viele Bombenkrater, die linke Seite total zerstört. Ich kam zur Dürener Straße bis zur Geibelstraße, Schallstraße bis zur Uni alles Schutt, dann ging ich durch die Bachemer Straße, kam zur Schule an der Lindenburg, zerstört.

Na was soll ich sagen und schreiben, ich kam bis zur Pfarrkirche. Sie war nur noch ein Haufen Schutt und Steine, nur der Turm stand noch einsam in all diesem Elend, gleich einem Schwurfinger ragte er in die Luft. Ich ging zur Dürener Straße, zu den Reins konnte ich nicht hinauf gehen. Dieses stille sich Schicken ins Unabänderliche, nein es geht über meine Kräfte, in mir ist alles Revolte und für Resignation habe ich kein Verständnis. Also ich ging wieder durch den Stadtwald nach Hause.

Still und einsam war mein Haus, ich ging durch alle Zimmer, ich ging in den Garten. Alles still und voll Frieden. Unwillkürlich dachte ich die letzten 15 Jahre zurück. Viel Kampf, aber auch viel Freude. Ich sehe euch klein und sehe euch größer werden. All euer Leid, all eure Freuden brachtet ihr zu mir. Und nun nach all diesem Krieg, wahnsinniges Morden zu Hause wie an der Front und kein Ende zu sehen bis alles zerstört ist. Ja und dann? Ja ihr neunmal weisen Herrn und Führer, was dann. Herr Gott im Himmel, hast du denn kein Einsehen, kein Erbarmen.

1. Juni 1941, Pfingsten

Es ist alles ruhig. Scheinbar ist es zu diesig und sie können nicht kommen. Bei mir ist Umzug. Dienstag gehe ich mit den besten Sachen, die ich an Wäsche und Kleidern habe, ins Bergische Land. Ich habe da zwei Zimmer gemietet. Ich bin da wenigstens für die nächste Zeit sicher. Walter muss arbeiten und kann nicht mit. Ich pendele nun zwischen Köln und dem Land und ich wünschte, ich könnte dort bleiben.

Röbi schreibt, dass er viel Erfolg in seinem Beruf hat. Er malt und zeichnet seine Vorgesetzten und ich wünschte, dass er auf diese Weise seine Zeit vorbei bekäme. Ja, Lottenkind, wann mag es wieder sein, wann mögen wir diese Zeit vorbei haben? Wann mögen wir uns wiedersehen. Ob es überhaupt sein wird? Ach, wenn ich denke, nein, nein, lass mich nicht denken, denn dann werde ich ganz mutlos. Denn Gott wird doch das nicht zugeben, dass wir uns nicht wiedersähen.  Aber ich sehe auch gar kein Ende.

Nun ist dein Kleines Töchterchen schon 8 Monate und ich sehe sie vielleicht überhaupt nicht. Ach, ist das Schicksal hart. Dieser Tage muss ich mal wieder zu Frau Nanzig gehen. Sie ist auch so einsam. Frau Floeck hört auch nichts von ihrem Sohn. Und nun geht es morgen herüber hinter Marialinden. Es ist eine herrliche Gegend und ich wünschte, ich könnte immer dort bleiben. Reinemanns sehe ich auch nur noch selten. Sie sind meistens im Odenthal. Dein Vater lebt für sich, er lässt sich alles machen und passt gut auf, dass ich ihm nicht in die Karten sehe. Er fühlt sich eben uns gegenüber so. Er wird mir so lange er lebt fremd sein. Ja Kind, das Schicksal ist hart und grausam.

10. Juni 1941

Auf einer Bank im Bahnhof Vilkerath im Bergischen Land früh morgens erwarte ich den Zug nach Köln. Ich war vom 8. Juni an in meiner Sommer-Residenz. In der Nacht hörte ich einen Angriff auf Köln. Ich habe keine Ruhe mehr, will mal nach dem Rechten sehen. Da Walter wieder als Werkstudent arbeiten muss, kann ich ja nur auf kurze Zeit fort.

Ich habe in den paar Tagen Fressalien gesammelt. Eier, etwas Butter, sogar etwas Speck, Wurst und einige wichtige Lebensmittel, die du in der Stadt für die besten Worte nicht bekommen kannst. Ja die Kaufleute in der Stadt. Der Wucher und Schleichhandel treibt wieder seine tollen Blüten, genau wie im Weltkrieg. Ein Pfund Kaffee 30.- Mark. Fett, Butter, tolle Preise, und wer Geld hat, hat eben auch heute noch alles.

Vorige Woche war ich bei meinem Gemüsehändler, ich lief ihm schon die Tür ein für etwas Spargel: Jahrelang habe ich nun keinen mehr gegessen. Er versprach immer und immer wieder. Zuletzt sagt er, wenn ich Spargel haben will, muss ich 10.- Mark extra zahlen für ein kleines Kistchen. Ich war empört, er lachte und meinte: Die reichen Leute machen das doch alle. Ja Liebchen, so geht es mit uns, bald werde ich auch auf dem Land nichts mehr bekommen, denn das Laster greift auch dorthin über.

Ich bin lange gelaufen gestern Nachmittag, in all die einsamen Bauernhöfe und bei den meisten bekomme ich nichts, es wurde Zeit, das ich meinen Zug nach Hause erreiche, aber vergeblich habe ich mich abgehetzt, der Zug ist weg. Und ich muss hier bleiben über Nacht und morgen früh fahren. Wie wird Walter das aufnehmen, seine Futtervorräte werden alle sein. Der arme Kerl, er ist doch immer hungrig und muss doch auch den ganzen Tag arbeiten. Aber ich kann ihm nicht helfen und mir auch nicht, ich muss zurück in die Berge und die Nacht dort bleiben. Also los. 1 ½ Stunden zurück. Und ich bin so müde.

Ja und nun bin ich zurück, nächsten Morgen in Köln, und ein großes Durcheinander empfängt mich. Warum sind diese Menschen alle so unordentlich? Ich glaube, wenn sie es selbst machen müssten, würden sie nicht so rücksichtslos sein. Keine Post da. Nein, Röbi schreibt sehr wenig, trotzdem ich ihm ein Paket geschickt habe, was mir doch so schwer wird.

Und von dir Lottenkind, ja wann bekomme ich mal wieder ein Lebenszeichen von dir? Ich bitte Gott täglich darum, auch auf die Gefahr, dass ich wieder zur Gestapo müsste. Also nichts. Aber doch etwas Erfreuliches, Biba schickt seiner Mutter gute Nachrichten. Wir hatten schon Angst, dass ihm bei der Besetzung Kretas etwas passiert war. Gott sei Dank! Ich muss doch mal zu seiner Mutter gehen, und mich nach ihm erkundigen. Hier ist durch die Flieger nichts passiert. Gott sei Dank. Meine Befürchtungen unnütz.

14. Juni 1941

Nacht für Nacht haben wir jetzt Angriffe auszuhalten. Walter wird es sehr schwer, er muss um 5 Uhr morgens heraus und dann regelmäßig keine Nachtruhe. Und dann all das Elend. Gestern haben sie den Hauptbahnhof getroffen und stark demoliert. Auch der Dom hat fast dran glauben müssen, aber es hat noch mal gut gegangen. Die Ostseite ist beschädigt worden. Gott sei Dank, die wundervollen Fenster hatte man zeitig herausgenommen. Deutz, Kalk und viele Vororte sind wieder mitgenommen worden. Letzte Nacht waren sie wieder bei uns in Braunsfeld in der Eupener Straße. Ja, wir stehen alle in Gottes Hand und wollen hoffen, dass alles vorbei geht.

Plötzlich gestern Abend kommt Röbi mal wieder herein. Das ist immer eine große Freude. Der gute Junge, er brachte mir 40.- Mark mit. Ja, anstatt dass ich ihm Geld gebe, gibt er mir. Er ist was Gutes. Hoffentlich schützt Gott ihn und erhält ihn mir. Die Nacht vom 13.-14. war sehr schwer für uns, es ist furchtbar. Ja, und in diesem furchtbaren Angriff blieb Frau Linz, sie bekam Herzkrämpfe und starb dann in dieser entsetzlichen Nacht. Ja, sie hat nun Ruhe, es ist schwerer für ihre Angehörigen.

Ich werde es nicht vergessen. Ich kam am andern Morgen vom Einkauf zurück, da traf ich die beiden Töchter und frug, wo der Angriff der letzten Nacht gewütet hatte. Sie wussten es nicht, sie hatten geweint, ich frug nach ihrem Leid und sie sagten: Unsere Mutter ist tot. Es war mir schrecklich, denn ich hatte den Tag zuvor noch mit Frau Linz gesprochen. Ja, Lottenkind, da muss man unwillkürlich sich sagen: Herr, dein Wille geschehe.

19. Juni 1941

Nun haben wir Nacht für Nacht den furchtbarsten Schreck mitgemacht. 7 Nächte hintereinander Fliegerangriffe. Flugblätter werfen sie ab, dass sie Köln dem Erdboden gleich machen. Na, mir kanns recht sein. Ich habe keine Schuld daran und wenn der Herrgott sich das alles mit ansieht, warum ich nicht. Es tut mir nur leid, das Röbi, der nun gerade 8 Tage Urlaub hat, um seine Nachtruhe kommt, aber er lässt sich durch den Tommy nicht stören, höchstens durch mich, denn bei jedem Bombenabwurf bin ich schon wieder an seinem Bett und erkläre ihm, dass er aufzustehen hat.

Aber er will seine Nachtruhe haben und pennt ruhig weiter und wenn dann die Hölle los ist, dann schläft er ruhig weiter, und morgens fragt er, ob die Engländer da waren. Ja so was wie mein Röbichen gibt es nur einmal. Und heute ist er wieder fort. Ich sehe ihn noch um die Ecke gehen. Es war mir sehr hart. Meinen lieben Jungen in seiner Reiteruniform mit seinem lieben Gesicht. Wolle Gott ihn mir nur erhalten.

Und Liebchen, nach dir habe ich die letzten Tage wieder tolles Heimweh, überall sehe ich dich, ich kann mich nun mal nicht darein fügen, trotzdem ich mir immer und immer sage, es muss ja mal ein Ende nehmen. Aber wann? Aber bei all dieser Vernunft kann ich diese Sehnsucht nicht unterdrücken. Und ich habe ja auch nur Sehnsucht nach dir. Nicht nach Jack, nicht nach deinem Kind, nur nach dir.

Und nun ist es Abend und wir gehen zu Bett, um etwas zu ruhen, ehe wieder ein Angriff kommt. Hoffentlich kommt Röbi gut in seiner Kaserne an, ehe der Tommy kommt, denn er muss durch den Kohlenpott und das ist heut sehr gefährlich. Aber Gott wird ihn mir beschützen, den guten Kerl.

21. Juni 1941

Ich liege in meinem stillen Zimmer in Niederhof. Da höre ich in der Nacht plötzlich den Donner der Flakgeschütze von Köln. Es muss toll zugehen. Ich stehe auf, von meinem kleinen Fenster habe ich nun schon die zweite Nacht dieses Drama. Walter ist in Köln, ich habe ihn so gebeten, doch herauf zu kommen, aber er will nicht, er sagt: Ich bin Samstag zu müde, ich komme um 2 Uhr nach Hause und dann will ich mich ausschlafen einmal in der Woche. Er geht in den öffentlichen Luftschutzkeller. Und so bin ich etwas beruhigt. Aber wer hat wieder dran glauben müssen. Was hat der Krieg nun schon für Opfer gekostet. Ob Röbi gut angekommen ist?

23. Juni 1941

Eben komme ich in mein Zimmer zurück. Es ist sehr heiß und ich bin sehr elend von allem Laufen, bei den Bauern weit ab muss ich oft laufen, um ein paar Eier zu bekommen oder noch öfter, um keine zu bekommen. Aber dieses Mal habe ich 15 Stück bekommen und das kam so: Eine Bäuerin, die kurz vor ihrer Entbindung steht, hatte mich dazu ausersehen, ihren alten gebrauchten Kinderwagen von innen neu auszuschlagen. Und Liebchen, ich in diesen Dingen so ungeschickt und ich ungeduldige Person habe es gemacht und zum Entzücken der Bäuerin gut gemacht. Einen ganzen Morgen bei toller Hitze habe ich es für 15 Eier gemacht. Die habe ich dann redlich unter drei geteilt. 5 dein Vater, 5 Reinemanns, die mir auch immer so gut sind, und 5 ich.

Ja Lottenkind, wenn du dieses liest, haben wir ja alles hinter uns, auf diese oder jene Art. Vielleicht sitze ich dann bei dir, Liebchen, und wenn nicht, wird Bully es dir erklären, wie wir oft, sehr oft zusammen gesessen haben und hin und her überlegt haben. Jetzt haben wir nun schon 13 Nächte Luftangriff und der Tommy wird den Westen sehr oft noch beehren.

Heute Morgen kam ich aus dem Bergischen und sah den Bahnhof. Diese Zerstörung, und höre dann in unserem Sender: Der Feind flog mit geringen Kräften ein und verursachte geringen Sachschaden. Der „geringe Sachschaden” ist dann gewöhnlich so ungefähr: 17 schwere Bomben in die Werke in Leverkusen mit mindestens 40-50 Toten, oder ein Lufttorpedo reißt 4-6 Häuser fort, ebenso viele Tote, zerrissen oder mit geplatzten Lungen und dann hört man diese Meldungen. O deutsches Volk, dein glorreicher Führer sagt ja selbst in seinem Buch „Mein Kampf”: Das Deutsche Volk ist eine große Hammelherde. Wie lange noch?

10. Juli 1941

Wieder ist eine Zeit vergangen, oft, ja fast jeden Tag waren die Feinde hier, haben auch Manches angerichtet, aber wie beim letzten Male war es noch nie. War das eine entsetzliche Nacht, wollte nicht vergehen. Endlich warfen wir uns todmüde auf das Bett. Am andern Morgen musste ich nach Köln. In der Straßenbahn konnte man nur bis zum Opernhaus kommen. Ich musste nach Mülheim und noch weiter. Ich ging bis zum Neumarkt. Welch ein Anblick! Der ganze Neumarkt ein Bombentrichter. Das Bürgerhospital noch am brennen. Haus Lords ein Trümmerhaufen. Zeppelinstraße dasselbe.

Ich ging zum Heumarkt. Derselbe Anblick. Der alte Gürzenich. Eine Zerstörung. Und weiter. Der Bahnhof, hinter dem Bahnhof bis zum Eigelstein der schrecklichste Anblick. Ich sah ein, dass ich nicht nach Höhenberg kam und gab es auf. Ich ging zurück, in der Apostelnstraße brannten Häuser, Friesenstraße, Christophstraße, alles brannte. Die Feuerwehr hatte nicht Wasser genug zum Löschen. Ich ging nach Hause. Was sollte ich machen? Fortgehen. Ins Bergische Land?

Ich habe deinen Vater schon so oft gebeten, mir etwas Geld zu geben, im Falle dass man einen Notpfennig hat. Dass man nicht so ohne alles dasteht. Aber nein. Ich habe noch nie so stark seinen Egoismus kennengelernt. Ich weiß im Augenblick nicht, was ich machen soll. Es ist alles so furchtbar. Ich stehe so allein. Wäre doch Röbi da. Er ist der einzige Mensch, wo ich mit sprechen kann. Walter ist 100prozentig dein Vater. Wenn ich sehe, wie dieser Mensch alles an sich gefühllos vorbei gehen lässt, sich drückt, wo er kann, und wie er das macht, dann erwachen Erinnerungen an Tage, wie dein Vater es genau so macht. Walter ist ganz der Sohn seines Vaters.

11. Juli 1941

Gestern ging ich durch das brennende Köln, die ganze Nacht hat Köln gebrannt. Der Anblick ist furchtbar. Hier stehen Bahnen verdeckt, dort siehst du Kinder in ihren Hemdchen mit bloßen Füßen elternlos herumlaufen oder spielen, ihres Elends Gott sei Dank nicht bewusst. Walter kommt nach Hause. In das Werk, wo er als Werkstudent arbeiten muss, haben nachts 17 Bomben eingeschlagen, sie können nicht arbeiten. In einer Nacht wurden 3600 Menschen obdachlos und wie viele viele Tote. Man wird es nicht gewahr und vom Rundfunk werden wir lächerlich belogen. Wie immer. Man sagt in einer schrecklichen Nacht: 24 Tote. Wenn du aber noch mal eine Null daranhängst, hast du noch nicht die Opfer einer Nacht.

13. Juli 1941

Heute, Sonntag, hat mein liebes Lottenkind Geburtstag. 29 Jahr wirst du alt, Liebchen. Ich kann es nicht glauben, dass die Zeit so vorbei gerast ist. Und doch, wie lange Zeit sind 29 Jahre. Wie viel Freud und Leid enthalten die 29 Jahre für mich, nein, für uns beide. Aber wie lange wird es noch werden bis wir wieder zusammen unseren Geburtstag feiern. Vieleicht noch recht lange. Wer weiß. Ich war heute Morgen in der Kirche und weihte meinem Lottenkind, meinem einzigen Töchterchen, die hl. Messe. Lange habe ich nicht mehr so andächtig beten können als in dieser kleinen Dorfkirche, und wenn alles in Erfüllung geht, worum ich den Allmächtigen gebeten habe, ja dann werden wir noch mal glücklich sein.

14. Juli 1941

Früh morgens muss ich herunter, um wieder nach Köln zu fahren in den Alltag, in das Elend, das der Krieg in unsere schöne Stadt gebracht hat. Röbi schreibt von Münster: In Münster sieht es grauenhaft aus. Ein Soldat behauptet: Münster sehe genau aus wie Lille nach der Erstürmung. Alle Frauen und Kinder sind evakuiert.

Anmerkung von Clare Westmacott: Lille in Nordfrankreich hat in seiner Geschichte mehrere Belagerungen durchgemacht, aber der Soldat bezieht sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Belagerung im Ersten Weltkrieg. Lille wurde im Oktober 1914 von deutschen Truppen besetzt, nachdem sie die Stadt beschossen und schwere Zerstörungen verursacht hatten.

26. Juli 1941

Heute werde ich 52 Jahre und hier sieht es nach einer furchtbaren Nacht in nächster Nähe furchtbar aus. Diesmal hat es uns in nächster Nähe gepackt. Hinter unserm Haus prasselten diese Nacht die Bomben herunter. 7 tiefe Bombentrichter zeigen in der Friedrich-Schmidt-Straße, was diese Nacht los war. Die Häuser sind zerstört und bei uns das Dach und die Fenster. Wie durch ein Wunder sind wir der Vernichtung entgangen. Und im Stillen sage ich mir, was hebt das Schicksal für uns auf?

1. August 1941

Nun ist schon tagelang Ruhe. Eine Erwartung erfüllt uns. Walter sagt: Mutter, mir graut vor allem, was vor uns liegt. Was mag uns der nächste Tag bringen? Es ist eine unheimliche Ruhe.  Ja, Liebchen, ich kann dir nichts anderes mitteilen, wir erleben nun das Elend aus nächster Nähe. Wenn ich in die Stadt gehe, muss ich weinen. Fieberhaft wird überall gearbeitet und wenn ich es sehe, sage ich immer, wofür? Lieber Gott, was haben wir getan, dass wir so leiden müssen. Bald ist wieder Winter und was dann. Wir haben schon heute im Sommer nichts, keine Kartoffel, kein Fett, alles ist knapp oder gar nicht zu haben. Und das jetzt schon. Was bringt uns der Winter. Es hat bald keinen Zweck mehr weiter zu schreiben. Es ist ja doch immer dasselbe Elend.

Bully war da. Ich war aus, sie hat mich nicht angetroffen. Sie ist über das Gartentor geklettert und hat mir alles auf den Tisch gelegt. Ja, Lotte, da alle Scheiben entzwei sind, hat die Gute freien Eingang. Sie brachte mir Blumen und Wein von ihrer Mutter zum Geburtstag nachträglich. Sie ist nun schon 3 Mal vergebens hier gewesen. Ich muss mal hingehen. Es ist doch gut, dass man noch gute Menschen hat. Wenn auch nur ganz wenig. Röbi will auch Freitagabend auf ein paar Stunden herüber kommen, was mag er wieder für Neuigkeiten bringen. Ich muss mal zur Frau Nanzig gehen, habe schon wochenlang nichts von ihr gehört. Käthe soll ja nicht mehr auf der Isle of Man sein.

7. August 1941

Eine Zeitlang habe ich nichts eingetragen. Was denn auch. Die täglichen oder vielmehr nächtlichen Besuche Olde-Englands, ach nein, immer dasselbe Elend. Oder mein Geburtstag, der mir auch dieses mal nicht brachte, was ich so heiß wünschte. Röbi schrieb auch nicht, Walter schenkte mir 2 englische Bücher. Ich habe mich über seine Aufmerksamkeit gefreut. Dann kam er noch und brachte mir eine sehr geschmackvolle Puderdose. Doch ein paar Tage später erschien plötzlich Röbi für 2 Tage. Wir haben uns sehr gefreut.

Zu meinem großen Leid erzählt er mir aber, dass er vom Arzt auf Tropenfähigkeit untersucht und für tauglich befunden wurde. Also auch dieses soll mir nicht erspart bleiben. Röbi freut sich, aus dem Einerlei heraus zu kommen, und ich will ihm nicht den Kopf vollhängen, doch wie ich ihn am Morgen zur Bahn bringe und wir Abschied nehmen, kommen uns beiden die Tränen.

Hier sitze ich nun und schreibe, ich friere, trotzdem August ist, ist es kalt. Ich muss sagen, einen solch kalten August habe ich auch noch nicht erlebt. Und zu allem Übel hat der Tommy mir alle Fenster eingeworfen. Das Dach ist kaputt, im Badezimmer ist die Decke herunter, es war eine tolle Nacht und doch denken wir Gott, dass er uns bewahrt hat. Wie viel Leid kommt jede Nacht über Köln. Ach ich will nicht mehr daran denken. Es ist zu viel des Elends.

12. August 1941

Mein und meines kl. Enkelchen Namenstag. Ja Liebchen, deines Kindes erster Namenstag! Ich hätte ihn mir auch anders vorgestellt. Aber davon bin ich überzeugt, er wird nicht als Richtschnur ihres Lebens gelten. Ich wünsche heiß an diesem meinem Namenstag, dass die Namenstage meines kleinen Enkelchens und Patenkindes sich immer freundlicher gestalten werden. Ich für meinen Teil erhoffe nur für die kommenden Jahre Friede und Ruhe. Gott möge meinen heißen Wunsch erhören und mich bald wieder mit meinen lieben Kindern zusammenbringen. Mein Namenstag war nicht sehr schön, keiner hat an ihn gedacht. Ich musste daran denken, Lottenkind, wie du dich immer schon Wochen vorher sorgtest, und war überzeugt, wenn du hier wärst, wie ganz anders es dann sein würde. Ich habe viel Last mit meinem Haus, das Dach auf, die Fenster zerstört, überall regnet es herein und zieht und man bekommt nichts gemacht. Wie soll das im Winter gehen. Mir graut davor.

23. August  1941  

Wir haben ziemlich Ruhe vor deinen Landsleuten und können schlafen. Diese Nacht kamen sie zwar, waren aber rasch wieder fort. Walter und ich wissen nun schon genau, wann wir aufstehen müssen und wann nicht. Ja Liebchen, hier ist viel, viel Leid, wie viele unserer Besten sind nun schon gefallen, wie viele sind hier an nächtlichen Angriffen gestorben. Ich könnte all das Elend hier nicht niederschreiben, aber wenn Gott uns gesund lässt, erzähle ich dir alles. Hier gibt es augenblicklich keine Kartoffel, wochenlang haben die armen Menschen kein Ei, kein Gemüse, kein Fleisch, nichts, nichts, nur Schleichhandel. Bonzen haben alles und das arme Volk hat nichts, muss Tag und Nacht arbeiten.

Dein Vater ist mal wieder zum Schwarzwald dieses Jahr das zweite Mal. Er meint, das Haus müsse zum Winter geheizt werden und deshalb solle ich noch einmal durchhalten. Ja, wenn ich nicht durchhielte. Kartoffel, Fleisch, Milch, Eier, Kaffee alles besorge ich und der Arzt sagt, ich müsse unbedingt ausspannen. Ja, nächstes Frühjahr, wenn ich noch lebe, dann will ich etwas für mich tun, vielleicht wird dann mein Herzenswunsch erfüllt und ich sehe dich wieder, dann wäre ich auch bald gesund.

1. September 1941

Lange habe ich mich mit meinem lieben Lottenkind nicht mehr schriftlich unterhalten. Schriftliche Lebenszeichen bekomme ich überhaupt nicht mehr. Rotes Kreuz! Der reinste Hohn. Wie oft habe ich schon geschrieben, vergebens. Ich habe mir schon gedacht, die hochwichtige Gestapo zu besuchen, zu fragen, ob etwas von dir angekommen ist, denn ich bin überzeugt, dass du schon öfter geschrieben hast. Also ich werde hingehen und fragen.

Gestern war Bibas Urlaub zu Ende. Er ist Fallschirmjäger und war auf Kreta eingesetzt. Röbi hatte auch 8 Tage Urlaub und muss heute Abend wieder fort. Ja Liebchen, allen beiden wird es schwer von zu Hause fortzugehen. Wann mögen wir mal wieder alle in Frieden und Freude vereint sein. In der letzten Nacht war es mal wieder toll, wo wissen wir nicht. Wir sind schon zufrieden, dass uns nichts passiert ist. Morgen muss ich sehen, dass ich wieder etwas ins Haus bekomme. Röbi und Biba haben mich leer gefressen.

Es heißt, dass es polizeilich verboten ist zu hamstern. Aber was ist im hl. römischen Reich nicht alles verboten und im dritten Reich noch mehr. Also gehe ich, hole Kartoffel, Eier, Milch und was ich sonst noch bekomme. Dein Vater ist aus hoher Besorgnis um seine kostbare Gesundheit in den Schwarzwald. Ich habe die Maurer augenblicklich im Haus, um Fliegerschäden zu beseitigen. Ja, das sind alles Sachen, die ich ausfressen muss und ohne Hilfe: Gerade höre ich, das sie diese Nacht das Finanzamt zwischen gehabt haben. Das wird vielen Kölnern sehr sehr leid tun.