Ein Tässchen von Röbis Kaffee / A cup of Röbi’s coffee

Eine von Klaras Kaffeetassen, heute im Besitz von Clare. / One of Klara’s coffee cups, nowadays with Clare.

3. Juli 1942

Gestern schellt mal wieder der Briefträger, wieder schickt Röbi Seife und, oh Glück, etwas Kaffee. Kaffee, so etwas, was man hier nur noch das Pfund für 100.- bekommt, aber nach einem tollen Angriff wird uns 60 Gramm zugeteilt, die wir dann aber erst nach 6 Wochen bekommen. Also Röbi schickte mir etwas und ich genieße ihn auch danach. So sitze ich augenblicklich allein auf der Veranda, ein Tässchen von Röbis Kaffee und schreibe dir.

Gestern bekomme ich mit der nächsten Post einen Brief von Röbi, aber so unfreundlich. Ob er schon wieder von seinem Vater informiert worden ist. Ja, ich weiß es nicht. Ich hatte Röbi den letzten Auftritt gar nicht geschrieben, warum auch, was soll ich ihm den Kopf vollhängen. Aber umso mehr wird es dein Vater gemacht haben. Das ist das einzige, was immer wieder mein Verhältnis mit Röbi trübt. Es tut mir sehr leid, aber ich kann nichts daran ändern.

Diese Nacht war mal wieder Alarm, aber der Tommy kam nicht. Gott sei Dank. Na, er war so lange nicht hier, ich glaube, er wird uns bald mal wieder besuchen.

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3 July 1942

Yesterday the postman rang again with a parcel from Röbi. Soap, and joy of joys, some coffee. That  coffee would cost a hundred marks a pound but after a terrible attack we only get a ration of 60 grams which we actually got six weeks later. Well Röbi sent me the coffee and I am enjoying it. At the moment I am sitting alone on the veranda with a little cup of Röbi’s coffee.

With the second post yesterday I got a letter from Röbi which was cool. I wonder if his father has been writing to him. I do not know but I did not write and tell Röbi anything about the big row I had with your father because there is no point in filling his head with our problems. That would be all the more reason for your father to have told him. That is the only thing that spoils my relationship with Röbi and I am very sorry about it but there is nothing I can do.

Last night there was an alarm but the Tommies did not come. Thank God. They have not been for so long and I am sure it is about time we had a visit.

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Drei Päckchen aus Afrika für mich / Three parcels from Africa for me

Lebensmittelkarten / Ration Cards. Kölnisches Stadtmuseum, Rheinisches Bildarchiv rba_mfL012516_18

30. Juni 1942

Heute Morgen schellt es 4x: Es ist die Post. Sie hat 3 Päckchen aus Afrika für mich. Im 1. war eine Tafel Schokolade, ganz trocken und hart. Sie war aber von Röbi, der Gute hatte sie sich sicher abgezogen, um sie mir zu geben. Der gute Junge, mein Röbi. Im 2. ein Stückchen Seife für mich. Er hatte mal wieder richtig vermutet, dass seine Mutter bitterarm an diesen Sachen sei. Im 3. ein Stückchen Kernseife. Alles Kostbarkeiten, die wir hier Jahr und Tag nicht mehr haben. Mein Bester denkt an alles.

Walter und ich haben mit sehr gemischten Gefühlen die Schokolade gegessen, aber wir mussten immer an den Spender denken, der sich dieses in der höllischen Hitze alles abzieht, um es uns zu schicken. Heute Morgen war ich bei Kurt Korsing, ich wollte mal hören, ob er mir den Brief an dich besorgt hatte. Aber leider hatte er noch keine Gelegenheit, er meinte, ich solle Anfang August mal wieder zu ihm kommen. Vieleicht. Vieleicht!

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30 June 1942

This morning the doorbell rang four times. It was the postman. He had three parcels from Africa for me. In the first was a bar of chocolate, very dry and hard. But it was from Röbi the good soul. He must have taken it from his rations to send to me. The good boy. In the second was a small piece of soap for me. He had accurately reckoned that his mother would be hard up for soap. In the third was a piece of washing soap. All valuables we have not had for a year and a day. My most wonderful boy thinks of everything.

Walter and I bit into the chocolate with mixed feelings and we thought of the donor who in all that heat had made the effort to send us something. This morning I went to see Kurt Korsing to see if he had managed to get the letter to you. But unfortunately he had not had a chance yet and thought I should go again in August. Perhaps. Perhaps!

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Er ist doch nun so alt, aber er ist derselbe Teufel wie früher / He may be old but he is still the devil he always was

Robert Seuffert sen., Selbstporträt, (c) Kölnisches Stadtmuseum

27. Juni 1942

Ja, nun ist es seit dem tollen Angriff schon 4 Wochen her. Viele Tote sind begraben worden. Viel Elend sieht man, wenn man durch die Stadt geht. Röbi hat auch schon lange nicht mehr geschrieben. Dein Vater kam nun wieder nach Hause. Aber er dauerte nicht lange, der Frieden. Walter war das Opfer. Walter hat ein paar Tage Ferien und ich gönnte ihm die Ruhe, aber nicht dein Vater.

Er ist doch nun so alt, aber er ist derselbe Teufel wie früher. Ihm passt alles nicht. Bei all den nervenerregenden Sachen auch das noch. Also es war bald der größte Krach. Ach was ist das für ein Mensch, der sich und uns das Leben so bitter und schwer macht. Unter diesen Umständen kann man bestimmt nicht mit ihm leben und ich mache das auch nicht.

Wie egoistisch der ist zeigt folgendes: Ich bat ihn, in Anbetracht der schlimmen Zeiten, dass, wenn wir durch einen schlimmen Angriff nicht mehr uns treffen und auseinander kommen, mir doch etwas Geld zu geben, und zwar 500.- Mark, da schlug er mir das einfach ab mit der Begründung, er habe kein Geld, er hätte nur sein Scheckbuch und weiter nichts. Ich solle schon etwas bekommen, man brauche sicher kein Geld. Na, du weißt ja Bescheid.

Also abends sehe ich seinen Rock im Schlafzimmer hängen, er ist im Garten, ich nehme die Brieftasche und was denkst du, wie ich nachsehe was drin ist? 20.000 Mark. 15 Tausendmarkscheine und 5 Tausendmarkpäckchen. Ja, das ist dein Vater. Aller Kommentar ist wohl überflüssig. Das mache ich nun schon 30 Jahre mit und wie lange noch? Wäre doch der Krieg vorbei und man könnte wieder frei sein und gehen wohin man wollte. Ja dann würde ich nochmal eine ganze Zeit zu dir kommen und alle die Lasten abschütteln. Aber wer weiß, vielleicht ist das auch nur ein Traum. Ich glaube an gar nichts mehr.

Um Röbi habe ich die furchtbarste Angst. Ich sah im Kino eine Wochenschau aus Afrika, ich wünschte ich hätte sie nicht gesehen, nun werde ich keine Ruhe haben, bis Röbi geschrieben hat. Walter kommt nach Hause, er hat Hunger, ich auch. Er muss dieses scheußliche Brot essen, wir haben keine Butter, kein Fett, keine Kartoffel und morgen ist Sonntag.

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27 June 1942

Four weeks have gone by since that last terrible attack. Many, many dead have been buried. One sees so much suffering when one goes through the streets. Röbi has not written for a long time.  Your father came home again but not for long. The peace did not last and Walter was the victim.  Walter had a few days holiday and I for one did not begrudge him the rest but your father took a different view.

He may be old but he is still the devil he always was. Nothing suits him. To have him to put up with as well as all my other nerve-shattering worries was too much. Soon there was a colossal row. What kind of man is he to make his own as well as our lives so bitter and difficult? It is impossible to live with him under these circumstances and I won‘t.   

The following story demonstrates just how selfish he is. I asked him if, in view of the difficult times and the uncertainty of our situation and that we might be seperated by one of the attacks, he would let me have some money, say five hundred marks. He refused this claiming he had no money, just his check. I would manage to get things and we do not need any money. So now you know.  

In the evening he was in the garden and I went to his jacket which was hanging up in the bedroom and believe it or not there were twenty thousands marks. Fifteen thousand mark notes and five bundles of thousand marks each. That is your father. All further comment is superfluous. I have lived with this for over thirty years and for how much longer? Once the war is over and we are free I shall come to you and cast off these burdens. But who knows? Maybe all I will ever do is dream about that. I believe in nothing anymore.

I am so worried about Röbi. I went to the cinema and saw scenes from Africa on the newsreel. I wish I had not watched it, now I will not have any peace at all until I have heard from Röbi. Walter comes home and is hungry. So am I. He has to eat this disgusting bread. We have no butter, no fat, no potatoes and tomorrow is Sunday.

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Wenn ich noch einmal jung wäre, bekäme ich keine Kinder mehr / If I were young again I would not have children

Gedenktafel am Bahnhof Deutz zur Erinnerung an die Deportation der Kölner Jüdinnen und Juden. / Plaque at the train station Deutz to commemorate the deportation of the Cologne Jews. Foto Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d011185_02

14. Juni 1942

Röbi schreibt mir, dass er keine Nachricht von uns bekommt. In welcher Angst lebt der arme Kerl, ich schreibe ihm doch so oft. Ich habe ihm gleich wieder geantwortet. Ja Liebchen, wie musst du dich auch um uns ängstigen, ich glaube, auch du hast uns längst aufgegeben. Ich höre nichts von Frau Nanzig, ich habe geschrieben aber keine Antwort. Ich muss mal nach ihr sehen. Hier geht das Leben seinen traurigen Gang. Der Tommy hat uns bis jetzt in Ruhe gelassen. Aber mit bösen Ahnungen gehen wir schlafen. In der Stadt wird dauernd gesprengt.

Hier sieht man morgens große Lastwagen, angefüllt mit alten Juden und ihrem Gepäck. Wohin? Wer weiß. Frau Reinemann behauptet, das Gepäck sei abends allein wiedergebracht worden. Auch hört man, dass alte Leute zwangsweise evakuiert werden sollen, man hat keine Wohnungen mehr.

Wenn Röbi doch nur unsere Post bekäme, dass der arme Junge wieder seine Ruhe hätte. Wann mag ich mal etwas über dich hören. Wenn ich noch einmal jung wäre, bekäme ich keine Kinder mehr, denn so heiß wie ich meine Kinder liebe, ist der Gedanke entsetzlich, sie zu verlieren. Diese Ungewissheit nimmt einem jede Freude. Ob es noch einmal schön werden kann. Ich kann es nicht glauben.

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14 June 1942

Röbi wrote that he had heard nothing from me. The poor boy must be so worried about us and I write so often. I replied immediately. You too must wonder about us and perhaps you have given us up for lost. I have heard nothing from Frau Nanzig for a long time, I have written to her but have received no reply. I will have to go and see her. Life goes on here in its sorrowful way. Tommy has left us in peace since the last raid but we always go to bed in fear and trepidation. In the city there is the constant noise of unsafe buildings being demolished.

In the mornings one sees lorries full of old Jews and their luggage. Where to? Who knows? Frau Reinemann claims that the luggage is brought back again in the evenings, but not the owners. One hears that old people are being forcibly removed because there are not enough homes left intact.   

If Röbi would only hear from us he would be reassured. When might I hear something from you? If I were young again I would not have children because the love I have for my children makes the thought of losing them unbearable. This uncertainty takes away any pleasure. May we one day find happiness again? I doubt it.

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