Sie wollte mich kennenlernen, aber ich lehnte dankend ab / She wanted to get to know me but I declined

Im Keller des Richmodishauses am Neumarkt lernt Klara eine junge Mutter kennen. / In the shelter below the Richmodishaus at Neumarkt Klara meets a young mother. Bild/Photograph Anselm Schmitz, Rheinisches Bildarchiv Köln, rba 042574, https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/40024684/rba_042574

17. Oktober 1941

Heute bekam ich eine Karte und gestern auch, kurz aus Ostpreußen, er schrieb mir, dass er auf der Durchfahrt ist und er will mich trösten, er schreibt mir, dass er in 5 Wochen wieder bei mir ist. Ja, er verspricht mir immer viel, genau wie du Lottenkind, das hast du ja auch immer gut gekonnt. Gehalten habt ihr es meist nicht. Ich habe mich zum Schluss damit getröstet, dass es ja gut gemeint ist. Na, ich wünschte, es wäre dieses mal wahr. Ich glaube, er fährt einen Transport. Ja, ich will den lieben Gott bitten, das es dieses Mal kein leeres Versprechen ist. 

Inzwischen waren Jacks Landsleute schon mehr wie lieb wieder hier und haben sich bestimmt mal wieder nicht gerade nett aufgeführt. Davon kann der Friesenplatz erzählen. Das Stinneshaus, du weißt, in demselben war das Medizinische Institut, wo ihr als Kinder von Dr. Schulte behandelt worden seid. Es erhielt einen Volltreffer rechts und links auch alles an der Erde. Alles tot. Ja Liebchen, das ist Krieg.

Ein anderes Stimmungsbild: In derselben Nacht waren sie in Düsseldorf. Gleich nach dem Alarm wurde ein feindliches Flugzeug von der Flak getroffen. Es war noch voll geladen und gab Notsignale, aber es wurde nicht beachtet. Die Flak schoss lustig weiter, das Flugzeug stürzte ab und auf einen Häuserblock. Düsseldorf-Bilk, es explodiert, der ganze Häuserblock flog mit Mann und Maus in die Luft. Es waren bestimmt 400 Mann, im Funk hieß es 30 Mann. In Bonn wurde die Universitätsklinik getroffen und der Alte Zoll getroffen. Ja Lottenkind, und so geht es weiter. Wir siegen uns noch tot, so sagte man im letzten Krieg und so geht es heute auch.

Doch nun ein anderes Stimmungsbild: Anfang der Woche ging ich mal wieder über Land, um meine ach so kleinen Rationen aufzufrischen. Ich bekam denn auch etwas Eier und Milch. Abends kam ich dann um 8 ¼ in Köln an und war froh, am Deutzer Bahnhof in eine 25er Straßenbahn zu kommen. Aber o weh, am Neumarkt war Alarm, wir mussten aus der Bahn in einen Luftschutzkeller.

Das edle männliche Geschlecht war mit Blitzeseile aus der Bahn, um sich in Sicherheit zu bringen. Ich sehe zum Schluss eine junge Frau mit einem kleinen Kind und unzähligem Gepäck, sie konnte bei bestem Willen nicht ohne fremde Hilfe weiter kommen. Ich bot ihr, trotzdem ich auch schwer bepackt war, meine Hilfe an. Vor allen Dingen mussten wir fort und der nächste Keller war im Richmodishaus.

Also los. Wir gingen hochbepackt hin. Es war noch leer. Viele Stühle standen herum und wir machten es uns bequem. Wir waren alle sehr müde und waren glücklich, dass wir saßen. Aber das Glück sollten wir nicht lange haben, langsam füllte sich der Keller und somit kamen auch die rechtmäßigen Besitzer der Stühle. Es waren Leute aus der Nachbarschaft, deren Häuser schon nicht mehr waren oder sie fühlten sich hier sicherer.

Also, wir mussten den Platz räumen. Wir legten nur die Kleine auf meine Tasche so gut es ging und wir standen und warteten der Dinge, die da kommen. Es ließ auch nicht lange auf sich warten und über uns ging es los. Inzwischen, da ich nicht sitzen konnte, inspizierte ich den Keller. Interessant, Liebchen. Ich wanderte durch die riesigen Gänge und hatte genug zu sehen.

Hier stand auf der Erde ein Pappkarton, er war als Kinderbett zurecht gemacht, Zwillinge lagen darin und schliefen fest. Daneben saß die Mutter und strickte seelenruhig. Dort stand ein Wäschekorb, drin lag ein Junge, er war zu groß für den Korb, man hatte das eine Ende, welches als Fußende dient, herausgeschnitten und die Füße steckten durch das Loch, auch er schlief.

Dann sah ich wieder in einer Ecke 2 Kinder auf einem Bügelbrett liegen, sie schliefen nicht, sie lasen oder verschlangen einen Karl May, dann wieder sah ich Männer, die unentwegt Skat kloppten. Auf einer riesigen Treppe saßen Liebespaare ganz entrückt und selig. Er in Uniform, sie in irgendetwas, was sie gerade hatte. Aber trotzdem in den Augen ihres Liebsten bildschön. Keiner störte sich daran, was draußen zuging.

Man verliert das Interesse und wenn es nicht gerade einem auf die Nase fällt, erkundigt man sich noch nicht einmal danach. Also wie gesagt, auch dieser Angriff ging vorüber und wir hatten nur eine Sorge, noch rechtzeitig unsere Bahn zu bekommen. Aber es kam anders. Als die Entwarnung kam, packten wir unsere Sachen und alles strömte in Scharen den heimischen Penaten zu.

Auf einmal höre ich die Frau schreien, sie hatte in der Dunkelheit ihr Kind verloren. Sie war verzweifelt und ich auch, denn die Bahn war inzwischen fort und es war fraglich, ob wir noch eine kriegten. Endlich hatte sie infolge ihres Schreiens ihren Sprössling wieder und wir hatten Glück, wir bekamen auch noch eine Bahn. Als sie sich wieder beruhigt hatte, bedankte sie sich bei mir und ich war heilfroh, dass ich endlich in Braunsfeld war. Sie wollte mich kennenlernen, aber ich lehnte dankend ab. Ich hatte schon mal wieder genug.

Ja Liebchen, wir gingen todmüde zu Bett, Walter hatte große Unruhe um mich gehabt und war froh, dass ich endlich an Land kam und er noch was zu futtern bekam. Dann gingen wir zu Bett und wurden wieder recht unsanft aus dem Schlaf aufgeschreckt, um 2 ½ war der zweite Alarm. Ja Lottenkind, und so geht es wieder Alarm nach Alarm und wann kommt der letzte?

Heute Abend gehe ich zu Reinemanns. Es sind noch die einzigen Menschen, wo man ohne Furcht mit sprechen kann. Oft sitzen wir zusammen und fragen und können doch nichts weiter sagen als: Wann mag wohl mal endlich ein Lichtblick kommen. Von Wohlfahrters höre ich nur hin und wieder was, ich habe sie sicher schon bald ein Jahr nicht mehr gesehen, ich muss doch mal nach ihnen sehen.

Der nächste Eintrag folgt am 3. November. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

17 October 1941

Today I received a card from Röbi and yesterday as well from East Prussia. He wrote that he was on his way and would be home again with me in five weeks. He promises a lot, just like you, Lotte, my beloved child, you always were good at it. Mosty you didn’t keep your promises. In the end, my consolation was that you meant well. Well I hope that this time it is true and that he will be back soon. I think he is driving a truck. I will pray to God that this time it is more than just wishful thinking.

In the meantime Jack’s countrymen have been here again more often than we would have wished and have not exactly been harmless. The Friesenplatz stands testament to that. The block near the Institute of Medicine, you remember where as children Dr. Schulte looked after you, well, that got a direct hit and all around has been flattened with everyone killed. Yes my darling that is war for you.

Another taste of life here for you: On the same night they attacked Düsseldorf. Just after the warning an enemy aircraft was hit by flak. It was fully loaded and gave signals, but nobody cared, the flak kept firing happily. The aircraft came down into a residential block in Düsseldorf-Bilk. It exploded and the whole block, man and mouse were hurled into the air. There were at least four hundred people in the block who were killed while the radio claimed it were thirty dead. In Bonn the University clinic was hit and also the Old Customs house and so it goes on. We win ourselves to death, like they said in the last war, and it is still the same.

And another picture: At the beginning of the week I went once again into the Bergische Land to fill up my small store cupboard and I got a few eggs and some milk. I got back to the railway station in Cologne at quarter past eight in the evening and was pleased to get onto a number 25 tram straightaway. But at Neumarkt there was an air raid warning and we had to get off the tram and into a shelter.

The men, these noble beings, got off the tram like lightning to get into the shelter and safety. But last of all was a young woman with a small child and masses of parcels. With the best will in the world she could not get to the shelter without help so even though I was laden myself I offered to help her.   The important thing was to find shelter and so we went to the nearest shelter in the Richmodishaus.

Off we went. We went there fully laden. It was still empty. There were a lot of chairs and so we sat down comfortably and were very tired and happy to sit down. But we were not lucky for long. Gradually the cellar filled up with people who owned the chairs. They were people who lived in the neighbourhood who had either lost their homes or who felt more secure down there.

Anyway we had to let them have their chairs and we lay the little child’s head on my handbag as well as we could and then we stood and waited for the raid to start. We did not have to wait long. In the meantime as we had nowhere to sit I wandered around the cellar. Interesting darling! I wandered through the wide aisles and had plenty to see.

Here stood a cardboard box fitted out as a child’s cot, twins were lying in it fast asleep with their mother by their side knitting unperturbed. There stood a washing basket with a little boy in it with his feet, twitching as he slept, sticking out through holes that had been cut for the purpose.

Then in my corner lying there were two children on an ironing board. They were not asleep but reading a book by Karl May. Then again I saw some men who were playing cards. On some steps sat a young couple obviously in love and happy. He was in uniform, she just in what she happened to be wearing. But beautiful in the eyes of her dearest. Everyone was oblivious to everything going on outside.  

One has lost interest and as long as one does not get a bomb landing on one’s head one takes no notice of the attacks. Well, eventually the raid was over and we had to get as quickly as we could to the tram. Suddenly the young woman shrieked that in the dark she had lost her child. She could not understand it and neither could I. We missed the tram and it was doubtful whether there would be another. Eventually following the cries we found the child and were lucky and we did get a tram.   After she had calmed down she thanked me for my help and I was thankful to get to Braunsfeld. She wanted to get to know me but I declined. I had had enough.

So darling I got home dog tired. Walter had been worried about me and was thankful to get something to eat. Then we went to bed but were dragged from our sleep at half past two when there was another alarm. And so it continues, alarm after alarm. Which one will be the last one?

Tonight I am going to the Reinemanns. They are the only people I can go to and speak freely without fear. Often we sit together and cannot say anything other than, “When will this be over?” I have not heard anything from the Wohlfahrters, it must be for nearly a year. I must go to see them sometime.

Next entry on November 3. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Danke schön! Thank you!

Stillleben von Robert Seuffert jun., 1948 / Flowers by Robert Seuffert jun., 1948

Kein Tagebucheintrag heute, sondern Blumen als Dankeschön für unsere Leserinnen und Leser – Sie alle haben seit dem Start vor neun Monaten 10.000 Mal Klaras Tagebuch und 30.000 Mal die Seiten im Blog besucht. Röbi hat das Bild 1948 gemalt. Im gleichen Jahr kam Clare zum ersten Mal mit ihrer Mutter Lotte zu Besuch auf den Knipscherhof. Ein Blumenstrauß also aus der Zeit des ersten Treffens von Klara-Lotte-Clare.

No entry in the diary today, but flowers for you, to say thank you for visiting Klara’s blog 10.000 times since its start nine months ago, and klicking the pages 30.000 times. Röbi painted this picture in 1948. 1948 is also the year when Clare came to Germany for the first time with her mother Lotte to visit her grandmother on Knipscherhof- so the flowers also are from the same time the first meeting of Klara-Lotte-Clare took place.

Der Bildhauer aus Süddeutschland / The sculptor from the South

Heute mal kein neuer Eintrag im Tagebuch, sondern ein Bild, das wir dem Kölnischen Stadtmuseum und dem Museumsdienst Köln widmen – weil sie das Tagebuch so toll begleiten! Das Porträt, gemalt von Robert Seuffert sen., zeigt dessen Vater Matthias Seuffert. Er war Bildhauer, kam in den 1870er Jahren aus Süddeutschland nach Köln und arbeitete an den Skulpturen am Kölner Dom mit. Daher auch die Beziehung von Klaras Mann Robert in den Schwarzwald, wohin er sich so oft zurückzieht, während sie allein in Köln bleibt.

No new entry today in the diary, but a picture, dedicated to Kölnisches Stadtmuseum and Cologne Museum Service – because they accompany the diary with so much attention! The portrait by Robert Seuffert sen. shows his father Matthias Seuffert, a sculptor who came to Cologne from South Germany in the 1870s and worked on statues of the Cathedral. This is also why Klara’s husband Robert spends so much time in the Black Forest, leaving her alone in Cologne.