Ihr Sohn Gefr. R.S. ist in Engl. Kriegsgefangenschaft / Your son Private R. S. is an Engl. prisoner of war

Brennender deutscher Panzer in Nordafrika im November 1941 / Burning German tank in North Africa in November 1941. Via Wikemedia, Imperial War Museum, by Lt. L. B. Davies.

9. Januar 1943

Neujahr vorüber, immer dasselbe. Alarm. Angst um Röbi, Ungewissheit. Biba schickte mir eine Karte, demnach hat er ihm im November geschrieben, und zwar dass er krank im Lazarett liegt, nierenkrank und Herzfehler und als der große Dreck losging, musste er krank wieder zur Companie zurück. Ja und dann hörte ich nichts mehr. Meine Anfrage an das R. K. Genf kam zurück mit dem Bemerken von der Briefzensur, dass für diese Angelegenheiten das O.K.W. zuständig wäre. Ich war verzweifelt.

Nun ich hatte auch schon an das O.K.W. geschrieben und bekam nun heute folgende Mitteilung: Ihr Sohn, der Gefr. R. S. geb. … ist in Engl. Kriegsgefangenschaft. Nummer ist noch nicht eingetroffen. Solange nicht hier an folgende Adresse schreiben: German Prisoner of War Chief Postal Centre Middle East Egypt.

Ein Stein fiel mir vom Herzen. Er lebt. Er ist aus der Hölle. Ich freue mich, ich danke meinem und seinem Schöpfer. Ich habe die Aussicht, ihn wiederzusehen, wiederzuhaben, wenn es auch noch etwas dauert. Ich hoffe nun auf den Tag, wo ich Nachricht von ihm persönlich bekomme, ob er gesund ist und wie es ihm geht.

Ich versuche nun direkt an dich zu schreiben, ob du Röbi öfter einen lieben Brief schreiben kannst. Wäre das doch schön. Ob Jack etwas für ihn tun kann? Na, ich will sehen, was wir machen können, du Lotte, ich bin überzeugt, dass du für deinen kleinen Röbi auch alles tust was in deiner Macht steht, denn das ist deine heilige Pflicht deiner Mutter gegenüber, die dich zum erstenmale in deinem Leben ernsthaft um etwas bittet; aber ich weiß auch, dass dieses keiner Fragen bedarf, dass du für deinen Bruder alles tun wirst. Hauptsache ist, wie bringe ich es dir bei?

Anmerkung von Clare Westmacott: Röbi musste am 21. April 1942 nach Afrika aufbrechen. In Libyen griff Rommel im Mai 1942 die britische Wüstenarmee an und nahm am 21. Juni Tobruk ein; zwei Tage später erreichte er Ägypten. Ende Juni erreichte er El Alamein und war nicht mehr weit entfernt von Alexandria und dem Nildelta. Rommel setzte seine Offensive am 31. August fort, um die achte britische Armee zu schlagen und Alexandria einzunehmen. Nach einer heftigen Schlacht zog Rommel sich zurück. Er ging aus gesundheitlichen Gründen nach Österreich, kehrte am 24. Oktober auf Befehl Hitlers aber zurück.

Als Rommel westlich von El Alamein eintraf, war die Schlacht für Deutschland faktisch bereits verloren. Der zwischenzeitliche Befehlshaber General Stumme war an einem Herzinfarkt gestorben. Die britische Armee hatte Verstärkung erhalten und die Truppen der Achsenmächte überwältigt. Die britische Luftwaffe bombardierte Nachschub, Truppen und Stellungen. Am 2. November gelang den Truppen von Montgomery der Durchbruch.

Hitlers Antwort auf Rommels Vorschlag zum Rückzug lautete:

“Mit mir verfolgt das deutsche Volk in gläubigem Vertrauen auf Ihre Führerpersönlichkeit und auf die Tapferkeit der Ihnen unterstellten deutschen und italienischen Truppen den heldenhaften Abwehrkampf in Ägypten. In der Lage, in der Sie sich befinden, kann es keinen anderen Gedanken geben als auszuharren, keinen Schritt zu weichen und jede Waffe und jeden Kämpfer, die noch freigemacht werden können, in die Schlacht zu werfen. (…) Ihrer Truppe (…) können Sie keinen anderen Weg zeigen als den zum Siege oder zum Tode.“

Rommel hatte den Rückzug tatsächlich bereits begonnen und tat sich schwer damit, den Befehl zu befolgen, während der faktische Befehlshaber des deutschen Afrikakorps, General von Thoma, Hitlers Befehl als Wahnsinn und Todesurteil für die deutsche Truppen und ihre italienischen Alliierten bezeichnet haben soll. Am 4. November 1942 wurde von Thoma von Briten gefangenengenommen, neben einem brennenden Panzer stehend. NOch am selben Abend aß er zusammen mit Montgomery in dessen Hauptquartier.

Rommel bat erneut um Erlaubnis zum Rückzug und gab entsprechende Befehle noch bevor Hitlers Antwort eintraf. Montgomery überrannte die deutschen und italienischen Truppen. Rommel und seine Verbündeten verloren 54.000 Mann – 9.000 starben, 15.000 wurden verwundet, 30.000 kamen in britische Gefangenschaft.

Röbi zählte zu den Kriegsgefangenen, und er wurde besonders gut behandelt, als die Engländer herausfanden, dass seine Schwester in England lebte. Er hatte ein Foto von ihr und ihrem Mann, meinem Vater, das während der Flitterwochen in Schottland aufgenommen worden war und auf dem die beiden neben einem Auto mit britischem Nummernschild standen. Auf der Rückseite stand eine Widmung für Röbi.

(Sources: William L. Shirer, The Rise and Fall of the Third Reich: A History of Nazi Germany, Simon and Schuster, New York 1960; Alexander Querengässer, El Alamein 1942: Materialschlacht in Nordafrika, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019; statista.com)

Der nächste Eintrag folgt am 10. Februar. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

9 January 1943

New Year has passed. Always the same. Air raid warnings;  worry about Röbi. The not knowing. Biba sent me a card, after I wrote to him in November, to tell me he was ill with his nerves and his heart and that when the big push began he had to return sick to his Unit. I have heard nothing more about him. My enquiry to the Red Cross in Geneva about Röbi came back with an observation from the Post Office that this enquiry should be dealt with by the OKW. I was confused. I had already written to the OKW and been told nothing.

And then today I got this news: “Your son Private R. S. is an Engl. prisoner of war. No number yet. Meanwhile write to adress: German Prisoner of War Chief Postal Centre Middle East Egypt”. A stone fell from my heart. He is alive. He is out of the hell. I am so happy. I thank his and my Creator. I have the chance of seeing him again, even if it takes time. I long for the day when I hear from him personally, if he is healthy and how he is doing.

I will write to you immediately. Can you send Röbi a nice letter straightaway? Lotte, I am sure that you will do everything you can for your little Röbi. You must do this. It is your duty to your mother, who is making this plea for the first time in your life. But I know this is not a big request. I know that you will do everything in your power for him. The main question though is this. How do I get this information to you?

Note by Clare Westmacott: Röbi had left for Africa on April 21 1942. In Libya at the end of May 1942 Rommel launched a swift attack against the British desert army and on June 21 he captured Tobruk and two days later he entered Egypt. By the end of June he had reached El Alamein and was only sixty five miles from Alexandria and the delta of the Nile. Rommel resumed his offensive on August 31 intending to finish the British Eighth army and capture Alexandria and the Nile. However after a violent and unsuccessful battle Rommel went on the defensive. He also went to Austria on sick leave on account of an infection and liver disease but on October 24 he received a telephone call from Hitler ordering him to return to Africa.

By the time Rommel arrived back at his headquarters west of El Alamein the following evening,  the battle of El Alamein was effectively lost. General Stumme had died of a heart attack. The Eighth Army had received reinforcements and overwhelmed the Axis divisions. The RAF were supreme and were pounding his supplies, troops and armour. On November 2 Montgomery’s infantry broke through on the southern edge of the front and began to overwhelm the Italian divisions there.

Hitler’s response to Rommel’s request to withdraw was as follows:

“I and the German people are watching the heroic defensive battle being waged in Egypt with faithful trust in your leadership and in the bravery of the German-Italian troops under your command. In the situation in which you now find yourself, there can be no other consideration save that of holding fast, of not retreating one step, of throwing every available gun and every available man into the battle. You can show your troops no other way than that which leads to victory or death.”

Rommel had actually started the withdrawal and resolved with difficulty to obey these orders, although the actual commander of the German Afrika Corps, General von Thoma is quoted as calling Hitler’s order madness and a death sentence for the German troops and their Italian allies. On November 4, 1942, von Thoma was captured by the British standing near a burning tank. That evening he dined with Montgomery at his headquarters mess!

Rommel again sent a message asking for permission to withdraw and gave orders even before the approval from Hitler came. Montgomery overran them. At the second battle of El Alamein Rommel lost 54,000 men, Germans and allies, of which 30,000 were captured, 15,000 wounded an 9,000 killed.

Röbi was among the captured and was particularly well looked after when the English discovered he had a sister living in England. He had on him a photograph of her and my father taken on their honeymoon in Scotland, standing by a car with English registration plates and a dedication to him on the back.

(Sources: William L. Shirer, The Rise and Fall of the Third Reich: A History of Nazi Germany, Simon and Schuster, New York 1960; Alexander Querengässer, El Alamein 1942: Materialschlacht in Nordafrika, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019; statista.com)

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“Empfänger vermisst” / “Receiver missing”

Röbi, Selbstporträt 1946

Weihnachten 1942

Weihnachten! Traurigstes aller Feste für mich. Dieses Mal ganz allein. Allein mit einer jungen Dame. Belgierin, die hier dienstverpflichtet ist und die ich in dein Zimmer einquartiert habe, einenteils um ein gutes Werk zu tun, andererseits um nicht ganz allein zu sein. Wir gingen den hl. Abend zu deinem Vater, er konnte oder wollte nicht nach Hause kommen. Ich ging also mit Einigem zu ihm an diesen Abend, der uns beiden gleich schwer war.

Als ich zu ihm kam, frug er mich: Weißt du schon? Nein, was ist es denn? Er gab mir eine Karte, die er an Röbi geschrieben hatte. Sie kam mit dem Vermerk zurück: „Empfänger vermisst“. Ich musste mich setzen, meine Knie wankten. Also was ich so lange befürchtet, ist wahr. Vielleicht steht uns in nächster Zeit noch Schlimmeres bevor. Zu denken, dass mein Junge, mein Bester nicht mehr sein sollte, nicht mehr in meinem Leben sein sollte, nein mein lieber Gott im Himmel, lass dieses nicht wahr sein. Alles kannst du mir antun, nur das nicht. Nein. Nein.

Ich habe direkt an alle Stellen geschrieben um Gewissheit. Gott, ist dies Schicksal hart. Röbi, mein guter Junge, mit so viel Talent, mit so viel Herzensgüte, mit viel Frohsinn und wie hing er an seiner Mutter. Wie baute er sich Schlösser, die alle in einem vereinigt waren, in seiner schönen und hohen Kunst. Und das soll alles zu Ende sein, ehe es angefangen hat.

Vater ist äußerst ruhig, er hängt auch mit allen Fasern seines Herzens an seinem Sohn, in dem er den großen Künstler sieht, der er einmal bestimmt wird, wenn er wiederkommt, er klammert sich mit allen Kräften an den Glauben, dass sein Junge wieder komme. Wir verbrachten also hl. Abend so gut wir konnten trotz Alarm. Dann ging ich mit Frau Jansen nach Hause und dann die Nacht.

Der 1. Weihnachtstag brachte mir einen Brief von Walter, ein Brief voll Sehnsucht, es ist schwer auch für ihn, und ich wünschte, ich hätte ihn jetzt hier. Frau Jansen musste arbeiten, und nach Mittag gingen wir, um den Gedanken zu enfliehen, ins Kino und es war Gott sei Dank dunkel und Abend, wie wir heimkommen. Ich schrieb an Walter und so ging der Tag vorbei.

Der 2. Weihnachtstag! An dem 2. Tag dasselbe. Ungewissheit. Bis jetzt habe ich noch keine Nachricht, ich habe überall hingeschrieben, Rotes Kreuz Genf. O.K.W., betrifft Vermisst, wahrscheinlich in Engl. Kriegsgefangenschaft. An den Offizier der Feldpostnummer von Röbi. Ja, und nun warten, warten, die Ungewissheit ertragen, die tollsten Vorstellungen lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Ja, und doch graut mir vor der Gewissheit.

Den 2. Tag ging ich in den Königsforst, denn in der Natur findet man sich am ehesten zurecht, aber auch hier verfolgt mich der entsetzliche Gedanke, Röbi könnte irgendwo gelegen haben, hilflos, verwundet, verdurstet und keiner kommt ihm helfen und er geht elend zugrunde. Mein lieber kleiner Röbi, mein Herzensjunge.

Wie wollte ich zufrieden sein, wenn er in englischer Gefangenschaft wäre und wir hätten die Hoffnung, ihn doch wiederzusehen, ihn wiederzuhaben, ich würde meinem Herrgott auf den Knien danken, ich würde alles ertragen, was dieser unselige Krieg mir noch schweres bringt.

Der nächste Eintrag folgt am 9. Januar. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

Christmas 1942

Yes, Christmas, saddest of all festivals for me. This time I was all alone. Well alone except for a young Belgian lady who is conscripted to work here in Cologne and whom I have accomodated in your room. I have done it partly to be kind and partly so I am not completely alone all the time. On Christmas Eve we went to your father’s. He could not or would not come home. So I took a few things over to him on this evening that would be equally difficult for us both.

As I arrived he said to me “Do you already know?” “No. What is it then?” He gave me a card that he had sent to Röbi. It had been returned stamped “Receiver Missing”. I had to sit down before my knees gave way. What I had so long feared had become true. Maybe in the near future we will hear even worse news. To think that my dear boy, my favourite may not be alive anymore. Dear God in heaven do not let this be true. No, no.

I immediately wrote letters to everywhere I could think of for information. God, fate is so hard. Röbi my good boy, with so much talent, so much goodwill for everyone and so much happiness in him and how fond he was of his mother. He used to build castles in the air in which everyone lived happily together and where art ruled supreme. And should all that be at an end before it had hardly had a chance to start?

Father is very calm. He clings to his son with all his heart, he sees the great artist in him that he will certainly become if he returns home. He hangs on to this belief that his boy will come home with all his strength. And so we spent Christmas Eve as well as we could in spite of everything. Then I went home with Frau Jansen and the night came.

On Christmas a letter arrived from Walter, a letter full of longing for home, which I also had for him and I wish he were here now. Frau Jansen had to go to work in the morning so in the afternoon to get away from our thoughts we went to the cinema and thank God it was evening and dark when we went home. I wrote to Walter and so the day passed.

On the second day of Christmas (26 December) the same. Not knowing. Up to now I have had no news. I’ve been everywhere to get information. Red Cross Geneva, Wehrmacht high command, concerning missing person, probably a prisoner of the English. To Röbi’s Company headquarters. And now wait. Endure the uncertainty and imagine the most dreadful things and have no peace.

So on the second day I went to the Koenigsforst, because being with nature is the best place to find a little peace. But my terrible thoughts followed me. Röbi might have lain somewhere helpless, wounded, thirsty and no-one to help him and he could have died suffering. My darling Röbi, boy of my heart. How happy I would be if he were a prisoner of the English and then I would have the hope of seeing him again, of having him with me again and I would thank God on my knees.  I would endure anything this unhappy war could visit upon me.

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Clare’s Memories – Clares Erinnerungen

Clare Westmacott hat ihre Großmutter auf dem Hof im Bergischen Land zum ersten Mal 1948 besucht – und danach immer wieder. Sie hat ihre Erinnerungen daran aufgeschrieben, an die Menschen und die Pferde, an Sprünge ins Heu und in dampfenden Kuhmist, an die Tränen, wenn sie und ihr Bruder Nigel nach den Ferien Abschied nehmen mussten. All das ist auf der Seite Clare’s Memories zu lesen.

Clare Westmacott visited her grandmother on the farm outside Cologne for the first time in 1948 – and many times in the years to come. She has written down her memories of people and horses, of jumps into hay and steaming cow dung, and of tears when she and her brother had to go home after the holidays. You can read it all on the page Clare’s Memories.