Wäre es doch schon alles vorüber / If only it were all over

Vier Tage, nachdem Klara glaubte, sie müsse den sehr langen Brief an Lotte beenden, weil das Tagebuch voll war, schrieb sie in einem alten Schulheft weiter. / Four days after Klara had thought she would have to conclude her very long letter to Lotte because the diary was full, she continued using an old exercise book.

6. Dezember 1942.

Eigentlich wollte ich nicht mehr schreiben, aber es ist auch nicht richtig, aufzuhören. Ein zweites Tagebuch bekomme ich nicht mehr. Die Geschäfte haben nichts, es ist eben Papierknappheit. Nun ist es schon 8 Wochen, das Röbi nichts mehr hören lässt. Ich bin nun verzweifelt, etwas zu hören.

Meine Gefühle lassen sich nicht beschreiben. Auf der Post sagte man mir, dass keine Verbindung mit Afrika zur Zeit bestehe. Der Tommy wurde wieder lästig und wenn es wahr ist, was man im Luftschutzunterricht hört, dann steht uns ja noch allerhand bevor.

Und nun steht Weihnachten vor der Tür. Wäre es doch schon alles vorüber. Hier singt man ein Lied: Es geht alles vorrüber, es geht alles vorbei, nach jedem November, kommt wieder ein Mai. Ja, wenn diese Hoffnung nicht trügt.

Der nächste Eintrag folgt am 25. Dezember. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

6 December 1942

I did not really intend to write anymore but it did not seem right to stop. It was not possible to buy a second diary. The shops no longer have them because paper is too short. Well it is now eight weeks since I heard from Röbi. I am desperate to hear from him.

It is impossible to describe my feelings. At the post office they say that at the moment there is no connection with Africa. Tommy is being a nuisance again and if what they say in the instructions at the shelters is true, all kinds of horrors await us.

And Christmas just around the corner. If only it were all over. They sing a song here: Everything passes, It all passes away, After every November, There always comes May. If only that hope won’t disappoint.

Next entry on December 25. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Denke immer daran, dass das Land, wo deine Mutter lebt, dein Vaterland ist. / Remember always that the country where your mother lives is the land of your birth.

Der erste Band von Klaras Tagebuch ist voll, deshalb schreibt sie demnächst in einem Schulheft weiter. / As the first diary is full, Klara will soon continue writing in an exercise book.

2. Dezember 1942

Ich komme eben von deinem Vater. Er hat mal wieder niemand, der ihm seine Bude putzt. Alle haben ihn nun schon bestohlen, wie er behauptet. Keine kommt mehr und da muss ich wieder herhalten und wie immer mache ich es. Ja Lotte, aber nicht aus Liebe. Ich sehe im Geiste meinen guten Jungen, wie er sagen würde: Mutter, helf dem Aal, sonst jeht de jo doch im Dreck kapott, loss en doch sage watt he well. Und da mache ich es schon wieder. Wenn ich ihn dann so freundlich tun sehe, dann muss ich immer an das Telefongespräch mit Frau Oberst denken, ich stand ja daneben und hörte alles. Ja Lotte, das vergisst man nie. Ich habe mir mal wieder Blasen an die Hände gearbeitet an seinem Dreck. Eines haben wir zwar zusammen, unser Leid um unseren Jungen, und deshalb will ich nicht hadern.

Ich will nur hoffen, dass Gott ihn mir wiedergibt. Ich habe noch immer keine Nachricht. Nur dein Bruder Walter schreibt mir Briefe, der letzte so unverschämt und frech. Scheinbar hat er es nicht so angetroffen wie er es sich gewünscht hat. Aber du weißt, er ist auch nie zufrieden und alles wird ihm schnell leid. Nur ist heute Krieg und er kann nicht so schnell fort, er muss dieses mal da bleiben. Er kann seiner Mutter nun keine Frechheiten mehr sagen, er meint, er muss sie jetzt schreiben.

Ja Lotte, über mir ist augenblicklich der Tommy, wir haben Alarm. Ich bin mutterseelenallein, ich weiß noch nicht mal wie alles geht. Ich sitze in meinem Zimmer, kein Luftschutzkeller, nichts, gar nichts. Wenn der liebe Gott mich gesund durch all diese Schrecknisse durchgehen lässt, wenn ich meinen lieben Röbi wiederbekomme, wenn ich dich wiedersehen kann, dann ist diese entsetzliche Zeit hinter uns, ja, dann glaube ich, das der Allmächtige noch eine schönere Zeit für mich, nein was sage ich, für uns aufgespart hat.

Ich will ihn darum bitten und will nun dieses Buch schließen. Der Krieg ist zwar noch nicht um, mein Buch ist voll und da ertönt auch gerade die Entwarnung. Und nun mein liebes Lottenkind, sollte dich dieses Buch erreichen, dann lese es aufmerksam durch, es ist für dich von deiner Mutter geschrieben in der furchtbarsten Zeit unseres Lebens. Der Krieg ist noch nicht beendet, wir wissen nicht, was uns das Ende bringt. Wie es auch sein mag, wie uns auch das Leben trennt, denke immer daran, dass das Land, wo deine Mutter lebt, dein Vaterland ist, wo sie dich erzogen hat und wo du viel Freud und Leid erlebt hast, dass dort deine Brüder leben und ich bitte dich, dieses nie zu vergessen, dass ihr immer zusammenhalten müsst, auch dann wenn Länder und Meere euch trennen.

Ich will hoffen, dass ich dir dieses Buch geben kann, und wenn nicht und es kommt auf anderem Weg in deine Hände, dann verwahre es als ein Dokument aus ernster bitterer Zeit. Ich bin immer deine dich treu und innig liebende Mutter.

Auch wenn das Tagebuch voll ist und Klara sich mit dem letzten Satz verabschiedet – schon wenige Tage später findet sie ein altes Schulheft im Haus und schreibt darin weiter. Der nächste Eintrag folgt am 6. Dezember. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

2 December 1942

I have just got back from your father’s. Once again he has no-one who will clean for him. He claims they all steal from him, no-one will go to clean his digs and so once again I have done it for him. However not out of love. In my heart I can hear my good boy saying to me, “Mother, help the old bugger so he does not asphyxiate in his own filth. Take no notice of what he says.” And so I have done it once again. If I begin to feel sorry for him I only need to think of the telephone conversation with Frau  Coleman. I was standing next to her and heard every word. Yes, Lotte, I will never forget that. Anyway I have blisters on my hands from cleaning all his dirt. One thing we have in common is our sorrow and anxiety for our boy and for that reason I will not be difficult.

I just hope that God will give him back to me. We have had no news again. Only your brother Walter has written but a letter so arrogant and shameless. Presumably things have not worked out as he thought they would. You know he is never content and he is soon tired of everything. However we now have this war and he cannot change his mind so easily. He will have to stay there. It would appear that because he is unable to be offensive to his mother in person, he has to do it in writing.

At the moment, Lotte, Tommy is overhead. We have had a warning. I am all alone and sitting in the sitting room. We have no air raid shelter, nothing, simply nothing. If God brings me through all this horror in one piece, if He brings me my boy back, if He allows me to see you again, then it would mean that the unspeakable time will be behind us. And if that were to happen I believe the Almighty will have a happy time for me. What am I saying, He will have prepared happiness for all of us. I will beg him for that and now finish this letter.

Although the war is not yet over my diary is full and I have just heard the all clear. And now my dearest Lotte, my beloved child, should this letter reach you then read it through, aware that it was written for you by your mother in the most terrible time of our lives. The war is not yet over and who knows what is yet to come. Whatever happens and if life separates us remember always that the country where your mother lives is the land of your birth, where you grew up and where you had much joy and much sorrow. Remember too that it is the country where your brothers live and I beg you never to forget this and to stay close to your brothers in spirit even though countries and seas may keep you apart.

I hope that I shall be able to give you this letter myself, if not that it will eventually come into your hands. In that case keep it as a document from our bitter, bitter times. I remain always your faithful and deeply loving mother.

Even though the first diary is full and Klara seems to say Goodbye in the last paragraph, only a few days later she finds an old exercise book in the house and keeps on writing. Next entry on December 6. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Dass ich noch nicht im Konzentrationslager sitze / That I am not yet sitting in a concentration camp

Lotte und Clare in England

19. November 1942

Dein Namenstag. Mein Liebchen, ich gratuliere. Ganz allein. Diesmal kommt kein Röbi und Walter ist auch in Feindesland. Heute Morgen war ich in der Kirche und mein Gebet war für dich und deine Brüder, meine Gedanken weilten bei euch, meine geliebten Kinder. Meinen Röbi kann ich nur noch dem Schutz des Allmächtigen anvertrauen und nur ein Wunder oder sein Wille gibt ihn mir wieder. Der letzte Brief war so voller Leid. Er bat mich, ihm doch einen Kuchen zu schicken. Es ist der vierte, den er bekommt, die 3 ersten hat er überhaupt nicht bekommen. Ich habe unzählige 100 Gr. Päckchen mit Zigaretten, Drops gesandt und ich werde verrückt, wenn ich immer wieder höre, dass er nichts bekommt.

Und nun dieses furchtbare Geschehen in Afrika. Ich kann gar nicht mehr denken, ich lebe in einem Trance-Zustand, ich arbeite nachts stundenlang, weil ich nicht mehr schlafen kann. Wie ich früher schlafen konnte, weißt du ja. Ich werde plötzlich wach und sehe meinen geliebten Jungen. Weißt du, ich habe nie die Sorgen so um dich, ich sehe dich geborgen, aber Röbi sehe ich in dauernden Gefahren. Weißt du, Lottenkind, wenn sie hier noch vor nicht langer Zeit sagten, dass sie nun bald nach der Insel gehen wollten und in 8 Tagen alles zerstören wollten und sie mich dann mitleidig betrachteten, weil ich eine Tochter dort habe, dann habe ich immer im Stillen lächeln müssen und habe gedacht: Ihr armen Irren, oder ich habe die Geduld verloren und ihnen gehörig die Meinung gesagt. Ich weiß nicht, dass ich noch nicht im Konzentrationslager sitze.

Hast du nicht auch schon mal Angst um mich? Die einzige, die meiner Meinung ist und immer war, ist Bully, auch ihre Mutter teilt nicht ganz unsere Meinung in Bezug auf unsere Zukunft, sie befürchtet auch, dass die Bande hier stark bleibt. Ich aber glaube von Anfang an, dass sie eines Tages von der Bildfläche verschwinden und unser Volk voll Grauen an sie zurückdenkt, gleich so wie man an die Pest oder sonstige Seuchen denkt, dieses gottlose Gesindel.

Da ich nun gerade an Bully bin, muss ich dir auch ihr Schicksal in kurzen Sätzen schildern. Vieleicht sitzen wir später einmal zusammen und ich kann in kurzen Worten erläutern, was ich nicht alles schreiben kann: Ja Bully hat es schwer, im Laufe der Zeit von den eigenen Freunden denunziert, wird sie von der Gestapo verfolgt. Sie kann nichts unternehmen, alles wird beobachtet. Sie ist dienstverpflichtet, muss hart arbeiten und was das Schlimmste ist, sie leidet seelisch am meisten darunter. Wie soll man da trösten, ihre ganze Jugend vertrauert sie und sitzt mit uns 2 alten Frauen zusammen, die selbst ihr Leid haben und nun zwar seelenverwandt ihr immer wieder sagen, dass es ja doch einmal ein Ende muss haben, ja und was kann ich sie schon trösten, bin ich doch selbst im Herzen so voller Leid und Angst um mein liebstes Kind, denn noch immer sitzen mir die furchtbaren Ahnungen im Nacken.

Der nächste Eintrag folgt am 2. Dezember. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

19 November 1942

Your Saint’s Day. My darling I congratulate you. All alone. This time no Röbi came, nor Walter who is also in enemy country. Today I went to church and prayed for you and your brothers, my thoughts were with you all, my beloved children. My Röbi I can only entrust to the care of the Almighty and only a wonder or His will can bring him back to me. His last letter was so unhappy. He asked me to send him a cake. If he gets it it will be a miracle. Three I have sent have never arrived. I have sent him parcels with cigarettes and it drives me mad when I hear that he has not received them.

And then there is the terrible carry-on in Africa. I cannot think straight anymore. I am in a trance-like state. I spend hours at night working because I cannot sleep anymore and you remember how deeply I used to sleep. If I do fall asleep I wake up suddenly and see my dearest boy before me. You know I have never had that worry about you. You are well looked after but Röbi is endlessly in danger of his life. You know, Lotte, my beloved child, they have been saying here for long time that soon they are going to attack “the island” [England] and when they do they will destroy everything within eight days. People express their pity for me that I have a daughter living there but I have to laugh silently about it and think, “You poor fools” or sometimes I lose patience with them and give them a piece of my mind. I often wonder why it is that I am not sitting in a concentration camp.

Do you ever worry about that happening to me? The only person who really knows what I think is Bully, not even her mother agrees exactly with us regarding the future. She fears the band of criminals will remain strong indefinitely. I however believe and have always believed that one day they will vanish from the scene and be remembered by the people only with horror just as one thinks of the Black Death or similar atrocities, those godless swine.

As I am just thinking of Bully I must describe her fate briefly to you. Maybe we will one day sit together and I will tell you in detail what I am unable to write now. In the course of time she has been denounced by her own friends and is constantly watched by the Gestapo. She cannot do anything, she is watched all the time. She is obliged to work and has to work very hard. And the worst thing is she is suffering a lot because of it. How can one comfort her, her entire youth is being wasted and she just sits with us two old women, who have worries of our own. All I can say to comfort her is that one day there will be an end to all this, but in my heart I am also full of anxiety, worrying about my dearest child and like her sitting here with terrifying thoughts in my mind.

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