Das Fest des Friedens ist der wahre Hohn, überall Hass, Tod und Verderben / The festival of peace, how absurd, with hatred, death and doom everywhere

Klara nennt Röbi ihren “Benjamin”, zugleich liebe- und sorgevoll. Auf dieser Zeichnung seines Vaters war er zwölf Jahre alt. / Klara calls Röbi her “Benjamin”, affectionately and anxiously. When his father portraited him in this picture Röbi was 12 years old.

4. Dezember 1941

Ja, es ist wieder eine ganze Weile her, dass ich nichts geschrieben habe, was soll ich auch schreiben. Etwas Gutes weiß ich nicht und all das Elend, nein das hat wenig Zweck. Wer weiß, ob du überhaupt jemals dieses Buch bekommst, ob wir uns überhaupt noch mal wiedersehen. Nein, viel Hoffnung habe ich nicht. Es wird immer trostloser.

Röbi war 14 Tage in Urlaub, er soll nach Russland. Und nun ist er wieder fort und ich erwarte jeden Tag den Bescheid seines Abtransports nach R. Mein kleiner Benjamin. Ihm ist auch nichts geschenkt worden. Alles muss er mitmachen, nun ist er ein so tüchtiger Künstler, der das höchste in der Kunst zu werden verspricht und nun dieses. In dieses entsetzliche Land, welches so voll Hass ist und mein Junge, dem nur Schönes zu schaffen liegt, dem dieses Völkermorden so furchtbar ist, der ausgerechnet muss fort.

Wann wird die Welt einmal reif sein, in Frieden zusammen zu leben? Weihnacht steht vor der Tür, das Fest des Friedens, der wahre Hohn, überall Hass, Tod und Verderben. Ich wünschte, es wäre schon Weihnacht vorbei, wo mag denn mein Röbi sein.

Der nächste Eintrag folgt am 24. Dezember. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

4 December 1941

Once again I have not written for quite a while, but what should I write? I do not know of anything good to write about and there is little point in only writing about our misery. Who knows if you will ever get this letter, or if we will ever see one another. I do not hold out much hope. It is becoming more and more miserable.

Röbi had fourteen days leave before he left for Russia. Now he has gone and everyday I wait for news of his tranfer to Russia. My little Benjamin. Nothing came easy to him. He has to endure everything, now that he is such a capable artis who promises to rise to the top in arts, and now this. In this unspeakable country where there is so much hatred, and my boy who is only capable of creating beauty and who detests this murder of the people, he of all men has to go.

When will the world finally learn to live in peace? Christmas just around the corner, the festival of peace, how absurd with hatred, death and doom everywhere. I wish Christmas were over. Where is my Röbi?

Next entry on December 24. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Clare Westmacott online bei der International English Library / Clare Westmacott online at the International English Library

Clare Westmacott (right) being interviewed by Melanie Schuth, Chairperson of the International English Library / Clare Westmacott (rechts) im Interview mit Melanie Schuth, Vorsitzende der International English Library

The International English Library in Düsseldorf hosted an online event with Clare Westmacott. She spoke about her grandmother Klara and read from the diary.

Clare Westmacott war bei der International English Library in Düsseldorf zu Gast, um über ihre Großmutter Klara zu sprechen und aus dem Tagebuch vorzulesen.

After the reading Clare had a very lively online exchange with the audience which was very professionally managed by the International Library’s team. / Nach der Lesung gab es einen sehr lebhaften Online-Austausch zwischen Clare und dem Publikum, der vom Team der International Library bestens betreut wurde.

In jedem Haus Elend und Kummer und Herzeleid / In every household only misery, worry, and heartache

Fleisch, Brot Eier, Zucker, Kleidung – alles nur auf Zuteilung. / Meat, bread, eggs, sugar, clothes – only by ration cards. Kölnisches Stadtmuseum, Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_mfL012516_18 https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05746624

19. November 1941

Dein Namenstag. Lottenkind, alle denken an dich, Röbi hat seinen letzten Urlaub in der Heimat. Er kommt heute Morgen und bringt mir einen wunderbaren Strauß Chrysanthemen im Gedenken an dich. Ja, wir sind im Geiste bei dir und gratulieren dir alle mit dem einen stillen Wunsch. Na, du weißt ja.

Röbi ist sehr still wenn er dasitzt, ich weiß was er denkt und mein Herz ist so schwer, denn ich habe mich vor diesem Augenblick gefürchtet und habe gewusst, dass er kam, denn dass diese Bande meinen guten Jungen auch noch haben wollte ist ja klar. Er muss nach Russland, wie mag es weiter gehen und immer wird es noch schlimmer. Wie wird man sich wiedersehen. Walter ist jetzt Zensor für Französisch. Er wurde von deinem Alten so getriezt, das er sein Studium im Krieg aufgibt und will später weiterstudieren. Aber wie mag noch alles werden.

Hier sieht alles so trostlos aus. Früher Winter, die Bäume waren noch grün und doch lag schon Schnee darauf. Schlechte Ernte, keine Kartoffel, kein Mehl, kein Obst, wie wird der Winter vorüber gehen, es ist November, bis jetzt haben wir keine Kartoffel eingekellert, nein, wir haben überhaupt nichts, die Kohlen und Heizmaterial sollen nur bis Februar reichen. Röbi ist eine halbe Woche im Urlaub und doch habe ich schon seine ganzen Fleischmarken gebraucht, er hat noch 10 Tage Urlaub.

Morgen gehe ich zu den Bauern ins Bergische Land, ich will sehen, ob ich noch was Milch, vielleicht, wenn es geht, ein paar Eier bekomme. Weinachten steht vor der Tür, ich mache wenn Röbi nicht da ist, nichts, gar nichts. Ja es steigert sich immer. Weinachten 1941. Du in England, Röbi in Russland und was steht uns allen bevor. Hier ist in jedem Haus Elend und Kummer und Herzeleid.

19 November 1941

Your Saint’s day. Lotte, my beloved child, we all thought about you. Röbi has his last leave in his homeland. He came in the morning and brought me a big bunch of chrysanthemums in remembrance of your saint’s day. In spirit we were with you and congratulated you with a silent wish. You know what that is.

Röbi was very quiet and as he sat there I knew what he was thinking and my heart was very heavy. I had long feared this moment and knew that it would come. That this gang would want my dear boy.   He has to go to Russia and how will that end? Things get worse and worse. Walter is now a censor for French. Your father got on his nerves so much that he gave up his studies until the war his over.

Everything here is so desolate. Early winter. The trees were still green and have snow lying on them. The harvest was bad, there are no potatoes, no flour, no fruit. How will we get through the winter?   It is November and we have not stored any potatoes. We have nothing, the coal for the heating must last until February. Röbi has been here for four days and I have used all the meat coupons.

Tomorrow I shall go into the Bergische Land to see if I can get some milk and maybe some eggs.   Christmas is just around the corner, but if Röbi is not here I shall not do anything at all for it. Things get worse all the time. Christmas 1941 and you in England, Röbi in Russia and what lies in front of us.   In every household here there is only misery, worry, and heartache.

Vom Saarland nach Yorkshire / From the Saarland to Yorkshire

Eingepackt für die Reise: Matthias Seuffert, gemalt von seinem Sohn Robert Seuffert sen. / Wrapped up for the journey: The sculptor Matthias Seuffert painted by his son Robert Seuffert sen.
Ankunft in England / Reaching the house of Clare and Hugh Westmacott
Das Poträt von Klara, gemalt von ihrem Sohn Röbi, kam auch gut in Yorkshire an. / The portrait of Klara by her son Robert Seuffert jun. travelled in the same box.

1844 wurde Matthias Seuffert im Saarland geboren, 177 Jahre später hängt sein Porträt in Yorkshire. Der Vater von Robert Seuffert sen., Großvater von Lotte, Urgroßvater von Clare, arbeitete als Bildhauer am Kölner Dom. Das Bild, das sein Sohn von ihm malte, war immer im Familienbesitz und reiste jetzt zu Clare. Zusammen mit dem Porträt in Rot, das Röbi von seiner Mutter Klara malte. / Matthias Seuffert was born in 1844 in the Saarland, and now, 177 years later, his portrait travelled to Yorkshire. The father of Robert Seuffert sen., grandfather of Lotte, great-grandfather of Clare, worked as a sculptor at the Cologne Cathedral. The portrait by his son was always in the family and is now with Clare, along with the painting in red, Röbi’s portrait of his mother Klara.