Ich habe Kinder großgezogen, um nun allein zu sein / Children I have brought up only be left alone

Walter, Kreidezeichnung seines Vaters, Robert Seuffert sen.

18. September 1942

Ja Liebchen, lange habe ich nicht mehr geschrieben. Was auch. Es ist ja doch immer dasselbe. Immer die Angst, die tolle Angst um meinen lieben Röbi, ach, wenn ich nur schon wieder ein Lebenszeichen bekäme. Ja, dieses Warten macht mich noch verrückt. Ja Lotte, und nun bin ich wieder ganz allein. Gestern ist Walter wieder fort. Er ging als Dolmetscher nach Bordeaux. Er sagt für Kriegsdauer.

Warum muss ich alle meine Kinder, die doch nun mein Lebensinhalt sind, fortgeben. Um nun, wo ich sie großgezogen habe, allein zu sein. Wird das noch mal anders. Ich kann es mir bald nicht mehr denken. Die furchtbaren Nächte mit Fliegerangriffen und Schrecken. Wie schwer ist es nun, auch noch Walter fortzugeben. Dein Vater ist schon lange im Schwarzwald. Er hält es noch nicht mal der Mühe wert zu schreiben. Ja, wenn der nur sicher sitzt. Nun, ich vermisse ihn nicht.

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18 September 1942

Darling I have not written for such a long time. What for? It is always the same. Always there is anxiety, the terrible anxiety for my beloved Röbi. If only I could have a sign of life from him. The waiting is driving me crazy. And Lotte I am once again completely alone. Yesterday Walter went again. He has gone to Bordeaux as an interpreter. He says for the duration of the war.

Why must I give away all of my children, who alone are my reason for living? Children I have brought up only to lose and be left alone. Will it ever be different? I can no longer imagine it ever being any better. And there are the terrible air raids and their terrors. It was so hard when Walter went as well.   Your father is still in the Black Forest and seems unable to even make the effort to write. Yes, if only he feels safe. Well, I do not miss him.

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Ich wünschte, ich hätte nicht gefragt / I wished I had not asked

Todesnachricht der Wehrmacht via Wikimedia

3. September 1942

Soeben gehe ich einkaufen. Ich komme durch die Voigtelstraße, da kommt mir Frau Scholz entgegen. Du weißt, das Kolonialwarengeschäft an der Ecke. Ich kenne sie nicht wieder, trotzdem ich gestern noch mit ihr sprach. Was ist Ihnen Frau Scholz, frug ich. Sie antwortete mir: Ich habe gestern die Nachricht bekommen, dass mein lieber Mann gefallen ist. Es war schrecklich, ich wünschte, ich hätte nicht gefragt. Die Leute sind vom Unglück verfolgt. Im Mai bei dem Terrorangriff ihr ganzes Hab und Gut, ihre Privatwohnung verloren und nun das größte Unglück. Ich sah ihn im Mai erst gesund und sprach mit ihm über die Zukunft. Ja, nur Leid. Uns gegenüber sind schon so viele, die du kennst, tot.

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3 September 1942

Yesterday I went shopping. I had just reached the Voigtelstrasse when Frau Scholz came towards me.   You remember, the coffee and delicatessen on the corner. I did not recognise her even though I was only speaking to a day ago. “What is the matter Frau Scholz?” I asked. She replied, “Yesterday I received the news that my beloved husband has been killed.” It was dreadful and I wished I had not asked. Bad luck follows some people. In the terrible attack in May she lost everything including their home and now the worst luck of all. I had seen him in May and we had talked about the future. Now only sorrow. So many people you knew living on the opposite side of our road are dead.

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