Was habe ich nicht all für Elend und Grauen gesehen / What misery and suffering have I seen

Köln nach einem Angriff. Aquarell von Robert Seuffert sen. / Cologne after an attack. Painting by Robert Seuffert sen

20. April 1944

Ja, die Tommys wissen Geburtstagsgrüße zu arrangieren. In der Nacht auf Hitlers Geburtstag haben wir Kölner das zu spüren bekommen. Um 10-11 erster Alarm und Entwarnung. Die armen Menschen waren kaum zur Ruhe, da wieder Vollalarm. Schnell in die Bunker und Luftschutzkeller. Ja, und weil die eigenen Keller schon lange nicht mehr sicher sind, müssen sie in die öffentlichen. Also schnell über die Straßen. Aber so schnell wie es auch war, es ist schon zu spät. Die Sprengbomben fallen, die armen Menschen werden auf den Straßen zerrissen, viele, viele Opfer, die nie genannt werden.

Der Angriff war wieder furchtbar, was noch steht wird zerstört. Ich muss am anderen Tag nach Köln. Ich kann nicht herein, ich warte bis zum nächsten Tag. Ich komme bis Deutz und dann wieder durch all dieses Grauen zu Fuß. Alles in Braunsfeld zerstört, ja, und wieder ist mein Haus bis auf kleine Schäden verschont worden. Es ist bis unters Dach voll mit Fliegergeschädigten belegt worden. Alles im Garten und in den Gartenhäuschen steht voll Möbel.

Ich gehe durch all dieses Elend und bin froh, dass ich wieder, nachdem ich alles erledigt habe, Köln den Rücken kehren kann. Was habe ich nicht all für Elend und Grauen gesehen, ob Gott der Herr mich beschützen will, oder will er mich für noch größeres Elend aufbewahren?

Diese Nacht wieder derselbe Tanz. Man sagt, Düsseldorf, Leverkusen, Mülheim war dran. Ich weiß es nicht. Ich gehe nicht fort, es ist Sonntag, ich setze mich still in den Wald auf einer Höhe in der Nähe des Schlosses, dort ist es wunderbar, ich bin außer dem Hund und hier und da einem Reh allein weit und breit. Ich lese ein englisches Buch und stopfe oder stricke abwechselnd bis der Nachmittag zu Ende ist und damit auch der Sonntag. Montag muss ich nochmal nach Köln. Es wird wohl nicht lange mehr gehen. Ich glaube, eines Tages sind die Brücken gesprengt und dann geht es von selbst nicht mehr.

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20 April 1944

The Tommies certainly know how to celebrate birthdays. On the night of Hitler’s birthday we people of Cologne had to cope with it. At about ten o’clock came an alarm then the all clear. They had hardly settled when there came a full alarm. Quickly to the air raid shelter or into the cellar! And because private cellars are not safe anymore they have to use public shelters. So quickly across the streets! But however quickly they went it was already too late. The bombs fell and the people were torn to pieces. There were many sacrificed who will never be named.

The attack was once again horrible, whatever had remained standing was destroyed. I needed to go to Cologne the next day but could not get there, the day after I got as far as Deutz and I went on foot through all these ruins and misery. In Braunsfeld everything is destroyed. Once again apart from minor damage my house is intact. It is filled to the roof top with people who have lost their homes. The garden and the summer house are full of furniture.

I went through all this misery and after I had run my errands I was pleased when I could turn my back on Cologne. What misery and suffering have I seen, will God protect me or is He saving me for an even worse fate?

Last night was the same. I was told that Düsseldorf, Leverkusen and Mülheim were the targets. I don’t know whether this is true. I am not going anywhere today. It is Sunday. I am sitting in the woods on a hill near the castle. It is wonderful there away from the house with, apart from the dog and the odd deer, not another soul as far as the eye can see. I read an English book, knit and darn until the afternoon and Sunday are at an end. On Monday I will go to Cologne again although I do not think it will be possible for much longer. Once the bridges will be blown up it will be out of the question.

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Terrorangriff auf Aachen / Terror attack on Aachen

Aachener Dom, Längsschnitt Pfalzkapelle, Grundriss Oktogon / Aachen cathedral, via Wikimedia

16. April 1944

Terrorangriff auf Aachen. Ein bekannter Soldat erzählt: Er ist in Eschweiler in einer Kaserne um Truppen auszubilden. Am Abend geht er mit einem Kameraden aus der Kaserne, die in halber Höhe eines Berges liegt, einen Spaziergang auf den Berg machen, um seine Nerven in der freien Natur etwas zu beruhigen. Er hat Heimweh, und angekommen werfen sie sich ins Gras, erzählen vom Krieg und von zu Hause. Unter ihnen liegt Aachen.

Da, was ist das! Fliegeralarm, Großalarm, sie müssen zurück, aber schon zu spät. Der Himmel ist schwarz voller feindlicher Maschinen, ja, und da prasselt es auch schon auf die unglückliche Stadt nieder. Er sagt, es ist der Weltuntergang, nur noch viel, viel grausiger, nicht zu beschreiben, nur Feind vom Himmel und dann wie von einer Stichflamme entzündet, brennt die ganze Stadt.

Sie rasen herunter, stellen sich zur Verfügung zum Aufräumen, zum Retten. Aber es ist nicht beizukommen. Überall Feuer, die unglücklichen Menschen sind in den Kellern eingeschlossen, sie geben 4 Tage Klopfzeichen und dann nicht mehr, sie können nicht zu ihnen gelangen. Es ist wieder ein Blatt in der Weltgeschichte, geschrieben voll Leid und Grauen. Viele Tote hat Aachen zu beklagen. Was kommt nun dran?

Anmerkung von Clare Westmacott: Aachen ist als Stadt Karls des Großen bekannt und war im achten und neunten Jahrhundert das Zentrum des fränkischen Reichs. Kaiser Karl vereinte die Gebiete und Völker, die später zu Frankreich und Deutschland wurden. Er starb 814 in Aachen und wurde im 12. Jahrhundert heiliggesprochen. Fast sechs Jahrhunderte lang war Aachen die Stadt, in der deutsche Könige gekrönt wurden. Wie Köln beherbergte auch Aachen viele alte Gebäude, von denen viele im Krieg zerstört wurden.

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16 April 1944

Terror attack on Aachen. A soldier I know told the story. He was stationed in barracks on the outskirts of Aachen to train troops. In the evening he went with a friend for a walk in the hills above Aachen to be among nature to calm his nerves. He was homesick. They lie down in the grass, talking about the war and home, looking at Aachen below them.

But what is that! An air raid warning! Major alert! They had to go back but it was already too late. The air was black with enemy aeroplanes, and already it starts raining down onto the unfortunate city. He says it was like the end of the world only worse, indescribable. Only enemies in the sky and then the city burns as if ignited by a flame thrower.

They rush downhill, offer to help, to clear up, to rescue, but it was impossible. Fire everywhere, the poor people trapped in the cellars could be heard knocking for four days and then silence. Another page of sorrow and cruelty in the annals of the history of the world. Many people were mourned in Aachen. Whatever will happen next?

Note by Clare Westmacott: Aachen or Aix la Chapelle is known as the town of Charlemagne and was the centre of the Frankish empire of the eighth and ninth centuries. The emperor Charlemagne grouped together the peoples and territories of what later became France and Germany. He died in Aachen in 814 AD and was canonised in the twelfth century. For almost six hundred years Aachen was the imperial city where the kings of Germania were crowned. It contained like Cologne many ancient buildings many of which were destroyed in the war.

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Fünf schwere Bomben in die Lindenburg / Five heavy bombs on Lindenburg clinic

Köln nach einem Angriff, Detail eines Aquarells von Robert Seuffert sen. / Cologne after an attack, detail of a water colour by Robert Seuffert sen

14. April 1944

In Köln wieder Fliegerangriff. Ich komme am andern Morgen dorthin. 5 schwere Bomben in die Lindenburg, in Schwerkrankenabteilungen, außerdem in die Maschinenhalle, die schwerkranken Menschen sind nun ausschließlich im Keller untergebracht. Keine Frischluftzufuhr, sagt mir ein Handwerker, der augenblicklich dort beschäftigt ist, keine Beleuchtung, der Zustand ist furchtbar.

Im Osten kommen die Russen mit Riesenschritten auf unsere Grenzen zu. Im Westen wartet man nur darauf, uns zu überfallen, und in diesem Zustand lebt man mitten unter übernervösen Menschen. In den öffentlichen Bunkern und Luftschutzräumen nur Streit und Hass. Man ist zu bange, einen Menschen etwas zu fragen, überall stößt man an. Walter schreibt auch nicht mehr, oder die Post geht nicht durch. Er sitzt wie schon gesagt mitten im westlichen Hexenkessel. Was mag die nächste Zeit bringen?

Ich komme nach einer Krankheit mal nach Auweiler und schon hat sich wieder ein Volltreffer an den andren gereiht. Ich gehe über die Aachener Straße, hier und da ein neuer Volltreffer. Es sind große Häuser und alles liegt schwer auf den Kellern, wie die unglücklichen Menschen dort herausgekommen sind, ist mir ein Rätsel.

Ich komme auf meinem Gang zum Bahnhof mit der Tram über den Ring, da sieht man wie gerade von einem Angriff tags zuvor die Toten herausgeschafft werden. Eine Frau erzählt mir den Anblick und da kommt mir eins nicht aus dem Gedächtnis. Sie sieht unter anderen Toten ein kleines Mädchen auf der Straße liegen, es liegt tot da im Nachtkittelchen, nur Strümpfchen an, den Kopf plattgedrückt wie ein Reibekuchen.

Ich sitze nachdenklich im Zug, man sagt sich, wie lange entgeht man noch diesem Schicksal. Ich stopfe anhaltend für Bauern und bin es oft so müde und sage mir nur, wofür und wie lange noch. Röbi schreibt auch nicht mehr, hier wird wohl auch die Verbindung unterbrochen sein.

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14 April 1944

There has been another air raid on Cologne and I went down the following day. Five heavy bombs had fallen on Lindenburg clinic, into the department for seriously ill persons and into the machine hall. The seriously ill were taken into the cellars for safety. But there was not adequate ventilation, no lighting and their condition was terrible. I was told this by a manual worker who happens to be working there at the moment.

In the East the Russians approach our borders with enormous strides and in the West they are just waiting to attack us any time. And this is the state of mind we live in among highly strung people. In the public shelters there is only strife and hatred. One is afraid to ask anyone anything. It is too risky. Walter does not write anymore or the post does not get through. He is sitting as I have said in the middle of that Western hell-hole. What will time bring?

After my illness I happened to go to Auweiler but there had been a series of direct hits there and as I went on to the Aachener Straße I saw that there had been several direct hits as well. There used to be big houses there but they had all collapsed down to the cellars. It is a mystery to me how anybody got out of there.

I was on my way to the station by tram across the Ring when I saw the dead being brought out after the previous attack. A woman described the scene. And one thing she told me I could not get out of my head. That was the sight of a dead little girl being brought out wearing her nightie and a pair of stockings, her head crushed as flat as a pancake.

I thought about it on the train and asked myself how much longer can we escape this fate? I do mending for the farmers and I am often so tired I wonder why I do it and for how much longer I can go on. Röbi does not write anymore. I expect the connection has been broken.

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Ostern, wie immer ganz allein / Easter, alone as usual

10. April 1944

Ostern. Lange habe ich nichts mehr eingetragen, wozu auch, es ist ja doch immer dasselbe Leid. Luftangriffe am laufenden Band. Immer Alarm und man entkommt meist wie durch ein Wunder all dem Leid. Oft war ich während eines Tagesangriffs in Köln, die Bomben flogen. Aber Gott der Allmächtige hat mich doch immer wieder beschützt. Ja, und dann viel viel Ärger mit meinem Haus, bedingt durch Zwangseinnistung. Was man durch die furchtbare Wohnungsnot für Pack hereinbekommt, ist eben unbeschreiblich und ich muss dir sagen, ich habe auch heute keine Lust dazu. Aber doch später werde ich dir diese interessanten Erfahrungen nicht vorenthalten.

Also Ostern, wie immer ganz allein. Morgens ging ich in die hl. Messe, ich schloss euch alle in mein Gebet ein und dann kam Besuch bei der Baronesse, ich musste zu ihnen und meinen Rat geben, aber davon auch später. Dann aß ich allein, ich habe gemeinsames Essen mit dem alten Baron aufgegeben, sobald ich das konnte. Meine Nerven hielten dies nicht aus, denn das Zusehen machte schon satt und ich wäre mit der Zeit vor Ekel eingegangen. Also aß ich in meinem Zimmer etwas und machte dann eine Wanderung.

Die beiden Damen, Baronesse I. und ihre Freundin, holten mich dann im Walde ein und wir gingen dann zusammen heim. Post war keine gekommen, keiner hatte an mich gedacht, aber daran bin ich ja nun schon gewöhnt. Röbi hat auch sehr, sehr lange nichts mehr geschrieben, du auch nicht. Walter macht sich sehr selten und euer lieber Vater schrieb seit Januar nicht mehr. Augenscheinlich hat er nichts für mich zu erledigen. Er kann die Menschen ja nur gebrauchen, irgend etwas anders bewegt ihn nicht, bei ihm dreht sich alles um ihn selbst.

Ja, und heute werde ich am Nachmittag zu Bauern gehen, dort Kaffee trinken, ja, dort stricke ich, stopfe ich, um einige Fressalien zu erhalten, die man zum Leben nötig hat. Ja, und wie lange mag dieser Zustand noch anhalten? Viel Sorge macht mir jetzt Walter, er sitzt so mitten drin, hoffentlich kommt er gesund aus diesem Hexenkessel heraus. Im Osten geht es ja lustig auf unsere Grenzen zu, und wenn das erreicht ist, ja, dann glaube ich, lässt der Tommy im Westen auch nicht lange mehr auf sich warten. Na, warten wir ab, was kommt. Jedenfalls nichts schönes.

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10 April 1944

Easter. I have not written for a long time. What for? It is only the same misery! Continuous air raids! Endless alarms. It is a wonder we escape all the misery. I have often been in Cologne when there have been day time attacks, the bombs fell but God Almighty time and again protected me. I have a lot of problems with the house. Because of the shortage of housing I have been forced to take dreadful people in. They are indescribable and in any case I have not got the energy to describe them today. But some time I will share these interesting experiences with you.

Well Easter. Alone as usual! In the morning I went to Mass and you were all in my prayers and then later there was a visit to the Baroness who had visitors and wanted some advice. More about that later! Then I ate alone. I gave up eating with the old Baron as soon as I could. My nerves could not stand it, looking at him I lost my appetite and I would have perished because he revolts me so much. Anyway I ate something in my room then I went for a walk.

In the woods I met Baroness I. and her friends and we walked back together. There was no post, no one had thought of me, but I am used to that. Röbi has not written for ages, nor have you. Walter writes seldom and I have not heard a thing since January from your beloved father. Presumably there is nothing he wants me to do for him. He only uses people to suit himself, nothing else moves him, he only thinks of himself.

This afternoon I am going to the farmers for a cup of coffee and to do some knitting and mending. This way I protect my source of food which is vital to survive. I wonder how long this can go on. I am worried about Walter. He is right in the thick of it. I just hope he gets out of that hell-hole alive and well. In the East they are getting merrily nearer and nearer to our borders. And when they get there I do not think it will be long before the Tommies start in the West. Well we will have to wait and see what happens. Whatever it is it will not be pleasant.

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Es ist ein Buch! / It’s a Book!

Clare Westmacott mit dem ersten Probedruck von Klaras Tagebuch, das im Herbst als Buch erscheint, in einer deutschen und in einer englischen Ausgabe. / Clare Westmacott with a first print of Klara’s diary which will be published as a book in fall, in an English and a German version.

Viele Menschen, die Klaras Tagbuch hier im Blog folgen oder bei einer von Clare Westmacotts Lesungen waren, haben gefragt, ob es auch als Buch erhältlich ist. Jetzt steht fest: Ja, es erscheint im Herbst im Frauenzimmer Verlag , mit vielen Bildern und Clare Westmacotts Einleitung und ihren Erinnerungen. Wer schon vorbestellen möchte – das Buch kostet 15,90 Euro – kann das gerne per Mail tun: blog(at)klara-lotte-clare.net – bitte mit der Angabe, ob die deutsche oder englische Version gewünscht ist. Übrigens sind auch Audiobücher in beiden Sprachen in Arbeit.

Many people who follow Klara’s diary here on the blog or have attended one of Clare Westmacott’s readings have asked whether it would also be available as a book. Now we can say: Yes, it will be published in fall by Frauenzimmer Verlag , with many pictures and with Clare Westmacott’s introductions and her memories. In case you would like to pre-order it for 15,90 Euro please do so by sending us an e-mail: blog(at)klara-lotte-clare.net – and please let us know whether you would like to have the English or the German version. By the way – we are also working on audio books in both languages.

Clare’s Memories – Clares Erinnerungen

Clare Westmacott hat ihre Großmutter auf dem Hof im Bergischen Land zum ersten Mal 1948 besucht – und danach immer wieder. Sie hat ihre Erinnerungen daran aufgeschrieben, an die Menschen und die Pferde, an Sprünge ins Heu und in dampfenden Kuhmist, an die Tränen, wenn sie und ihr Bruder Nigel nach den Ferien Abschied nehmen mussten. All das ist auf der Seite Clare’s Memories zu lesen.

Clare Westmacott visited her grandmother on the farm outside Cologne for the first time in 1948 – and many times in the years to come. She has written down her memories of people and horses, of jumps into hay and steaming cow dung, and of tears when she and her brother had to go home after the holidays. You can read it all on the page Clare’s Memories.