Wir haben schon im Sommer nichts, was bringt uns der Winter? / Already in summer everything is impossible to get, what will winter bring?

Familienhaus Wiethaser Straße, Köln
Das Haus, in dem Klara lebt, gemalt von ihrem Mann vor dem Krieg. / The house where Klara lives, painting by her husband before the war

1. August 1941

Nun ist schon tagelang Ruhe. Eine Erwartung erfüllt uns. Walter sagt: Mutter, mir graut vor allem, was vor uns liegt. Was mag uns der nächste Tag bringen? Es ist eine unheimliche Ruhe.  Ja, Liebchen, ich kann dir nichts anderes mitteilen, wir erleben nun das Elend aus nächster Nähe. Wenn ich in die Stadt gehe, muss ich weinen. Fieberhaft wird überall gearbeitet und wenn ich es sehe, sage ich immer, wofür? Lieber Gott, was haben wir getan, dass wir so leiden müssen. Bald ist wieder Winter und was dann. Wir haben schon heute im Sommer nichts, keine Kartoffel, kein Fett, alles ist knapp oder gar nicht zu haben. Und das jetzt schon. Was bringt uns der Winter. Es hat bald keinen Zweck mehr weiter zu schreiben. Es ist ja doch immer dasselbe Elend.

Bully war da. Ich war aus, sie hat mich nicht angetroffen. Sie ist über das Gartentor geklettert und hat mir alles auf den Tisch gelegt. Ja, Lotte, da alle Scheiben entzwei sind, hat die Gute freien Eingang. Sie brachte mir Blumen und Wein von ihrer Mutter zum Geburtstag nachträglich. Sie ist nun schon 3 Mal vergebens hier gewesen. Ich muss mal hingehen. Es ist doch gut, dass man noch gute Menschen hat. Wenn auch nur ganz wenig. Röbi will auch Freitagabend auf ein paar Stunden herüber kommen, was mag er wieder für Neuigkeiten bringen. Ich muss mal zur Frau Nanzig gehen, habe schon wochenlang nichts von ihr gehört. Käthe soll ja nicht mehr auf der Isle of Man sein.

Der nächste Eintrag folgt am 7. August. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

1. August 1941

Now there has been peace and quiet for days. We are filled with anxiety and expectation. Walter said, “Mother I dread what lies in front of us. What will tomorrow bring?” It is an eerie quiet and I cannot tell you anything other than that we experience the suffering and misery all around us. When I go into the city I have to weep. The work atmosphere is feverish and when I see it all I have to ask,  “What is it for?” Dear God. What have we done to deserve this suffering. Soon it will be winter again and what then? We have already in summer no potatoes, no fat, everything is either difficult or impossible to get. What will the winter bring? There is hardly any point in writing because nothing changes, just the same misery.

Bully has been here, I was out and did not see her. She climbed over the garden gate and put everything, some flowers and wine from her mother for my birthday, on the table for me. Yes, Lotte, all windows are broken and good Bully has free access. She has been here three times, but did not find me. I have to visit them. It is a blessing that there are still some good people. Even if only a few. Röbi wants to come for a few hours on Friday evening. I wonder what news he will bring. I must go and see Frau Nanzig again. I have not heard from her for weeks. Apparently Käthe is no longer on the Isle of Man.

Next entry on August 7. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Der Bildhauer aus Süddeutschland / The sculptor from the South

Heute mal kein neuer Eintrag im Tagebuch, sondern ein Bild, das wir dem Kölnischen Stadtmuseum und dem Museumsdienst Köln widmen – weil sie das Tagebuch so toll begleiten! Das Porträt, gemalt von Robert Seuffert sen., zeigt dessen Vater Matthias Seuffert. Er war Bildhauer, kam in den 1870er Jahren aus Süddeutschland nach Köln und arbeitete an den Skulpturen am Kölner Dom mit. Daher auch die Beziehung von Klaras Mann Robert in den Schwarzwald, wohin er sich so oft zurückzieht, während sie allein in Köln bleibt.

No new entry today in the diary, but a picture, dedicated to Kölnisches Stadtmuseum and Cologne Museum Service – because they accompany the diary with so much attention! The portrait by Robert Seuffert sen. shows his father Matthias Seuffert, a sculptor who came to Cologne from South Germany in the 1870s and worked on statues of the Cathedral. This is also why Klara’s husband Robert spends so much time in the Black Forest, leaving her alone in Cologne.

Heute werde ich 52 und hier sieht es furchtbar aus / Today I am 52 and it looks dreadful

Klara mit Mitte 70, porträtiert von ihrem Sohn Röbi. / Klara in her mid-seventies, portrait by her son Röbi

26. Juli 1941

Heute werde ich 52 Jahre und hier sieht es nach einer furchtbaren Nacht in nächster Nähe furchtbar aus. Diesmal hat es uns in nächster Nähe gepackt. Hinter unserm Haus prasselten diese Nacht die Bomben herunter. 7 tiefe Bombentrichter zeigen in der Friedrich-Schmidt-Straße, was diese Nacht los war. Die Häuser sind zerstört und bei uns das Dach und die Fenster. Wie durch ein Wunder sind wir der Vernichtung entgangen. Und im Stillen sage ich mir, was hebt das Schicksal für uns auf?

26 July 1941

Today I am fifty two years old and after a terrible night it looks dreadful in close proximity. This time it was very near. Bombs dropped behind our house and seven deep bomb craters in Friedrich- Schmidt-Straße show the night’s results. The houses have been destroyed and our roof and all the windows have been damaged. It is a miracle we got away. Quietly I think to myself, “What has fate in store for us?”