Wenn man nicht mit Willen taub ist / Unless one insists on being deaf

Walter, 1932 porträtiert von seinem Vater. / Walter in a 1932 portrait by his father.

20. Januar 1942

Heute höre ich, dass Walter als Dolmetscher nach Paris geht. Es ist mir nicht ganz recht, bei dieser tollen Zeit. Aber er will und ich kann ihn nicht halten, er ist 25 Jahre und alt genug, um über sich zu entscheiden. Sein Vater hat ihn ja dazu gezwungen, für sich zu sorgen, und ich denke, wenn wir diese entsetzliche Zeit überleben, es immer noch Gelegenheit gibt, seine Studien zu vollenden. Ja, und so seid ihr drei für mich in alle Winde zerstreut. Möge Gott uns wieder zusammenführen.

Hier ist es inzwischen furchtbar geworden. Vom Osten hört man, wenn man nicht mit Willen taub ist, die furchtbarsten Dinge. Unsere armen Truppen. Womit haben wir das verdient. Die Generale sterben alle am Herzschlag. Komisch. Aber wir haben zu glauben, was man uns vormacht. Hier wurden Kölner Bürger bestraft, weil sie die Hoheitsträger Schaller und Winkelnkemper beleidigt hatten. Diese Schweinehunde, wie kann man die noch beleidigen. Die ganze Stadt weiß, wie die Verbrecher sich bereichern und doch wagt keiner etwas zu sagen. Offen können sie uns bestehlen, denn die Schweine in Berlin sind ja nicht anders und einer schützt den andern. Und unsere Soldaten erfrieren und lassen sich weiter abschlachten.

Gestern war ich bei Reinemanns. Bully wird immer weniger, sie hat nichts zu essen und wenn das so weiter geht, stehe ich für nichts. Sie hat eine Stelle angenommen, sie musste, überall Neid, Angst, einer könnte was mehr wie der andere tun oder haben. Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo man wieder hoffen kann. Man sagt: die Russen fressen vor Hunger ihre toten Kameraden, ist es nicht schlimm, ja, wir haben ja selbst nichts zu fressen, viel weniger für Gefangene. Bully hat schon Angst, eines Tages gepökelt in Erbsensuppe verspeist zu werden. Es ist ja etwas übertrieben, aber vielleicht, wenn es noch lange dauert, kommt der Tag, wo ihre Angst berechtigt ist.

Von dir noch immer nichts gehört.

Anmerkung von Clare Westmacott: Richard Schaller war stellvertretender NSDAP-Gauleiter Köln-Aachen. Peter Winkelnkemper war Nazi und Oberbürgermeister von Köln.

Der nächste Eintrag folgt am 1. März. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

20 Januar 1942

Today I heard that Walter is going to Paris as an interpreter. I am not really happy about it at this crazy time. But he wants to, and I cannot keep him from going. He is twenty five years old and old enough to decide things for himself. His father has forced him to look after himself and I think that when the war is over he can always go back to complete his studies. And so you three are scattered to the winds. May God bring us all together again.

In the meantime things have become really dreadful. Unless one insists on being deaf and dumb one hears the most terrible things from the eastern front. Our poor troops. How have we earned this?   Their senior officers all die of heart attacks. Peculiar! But we are supposed to believe what they tell us. Here in Cologne, citizens have been punished because they offended two officials. Schaller and  Winkelnkemper. Those swine. How is it possible to offend people like them. The whole city knows how corrupt they are, but no one dares to raise a finger against them. They can openly do what they want and steal from us because those swine in Berlin are no different and each protects the other. And so our soldiers freeze and let themselves be killed.

Yesterday I went to Reinemanns. Bully is getting thinner and thinner because she does not get enough to eat. If it goes on I don’t know what will happen. She has taken a job. She had to. Everywhere there is envy or fear that one could be or have more than another. I wish the time would come when we could have some hope. People say that the Russians are so hungry they eat their dead comrades. Isn’t that dreadful. Yes, well we ourselves have nothing either and even less to spare for prisoners. Bully says she is frightened she might end up in a pea soup! She does not mean it of course but maybe if things get much worse her fears may become reality.

We have heard nothing from you.

Note by Clare Westmacott: Richard Schaller was deputy NSDAP-Gauleiter Cologen-Aachen. Peter Winkelnkemper was NSDAP mayor of Cologne.

Next entry on March 1. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Nur ein schöner Traum / Just a lovely dream

Lotte mit Clare 1941 / Lotte and Clare 1941

15. Januar 1942

Diese Nacht hatte ich einen Traum. Ich bekomme Nachricht von dir: Bin um … in Köln, komm mich abholen. Ich muss mich sehr beeilen und es ist sehr sehr heiß, ich zog mich sehr leicht an und muss laufen. Ich glaube, ich bekomme deinen Zug nicht mehr. Wie magst du wohl aussehen? Nach so langer Zeit. Gott sei Dank, dass die Zeit, diese furchtbare Zeit vorbei ist. Doch was ist das, ich werde wach, es ist alles nur ein schöner Traum.

Ja, es war nur ein schöner Traum. Und nun etwas anderes, etwas das du dort vielleicht viel besser erfährst. Doch davon später: Jetzt etwas aus der Familie. Heute höre ich, dass Herbert Seuffert schwer verwundet ist. Er hat einen Kopfschuss quer durch den Oberkiefer, er war im Osten, der arme Kerl liegt in einem Lazarett im Osten. Die armen Eltern. Röbi soll nun nach Afrika. Wer weiß, was uns dieses Jahr noch alles bevorsteht. Ach mir ist so schwer ums Herz. Wann mag ich mal wieder von dir etwas hören.

15 January 1942

Last night I had a dream. I got news from you. “I will be at such and such a time in Cologne. Please come to meet me.” I had to hurry and it was so very hot and I put light things on. I was frightened I would miss the train. I wondered what you would look like after all this time. Thank God the terrible time is over. But what is this, I wake up. It was just a lovely dream.

Well, that was only a lovely dream. And now something different, perhaps something you know more about there. Well more about that later. Now some news from the family. Today I heard that Herbert Seuffert has been badly wounded. He has been shot straight through his upper jaw. He was in the east and is lying out there in a military hospital. His poor parents. Röbi is going to Africa. Who knows what this year will bring? My heart is so heavy. When will I hear from you again?

Ich musste in der Elektrischen weinen / I burst into tears on the tram

Klaras Tagebuch / Klara’s diary

6. Januar 1941

Meine Feder ist in Reparatur, aber ich muss dir doch einiges schreiben. Heute ging mein guter Röbi wieder fort und dies war der letzte, definitiv der letzte Urlaub, ich werde ihn wohl lange, lange nicht mehr sehen. Wo mag er hinkommen. Es ist mir so schwer. O Gott, wofür das alles. Ich habe ihn bis in die Stadt gebracht, ich konnte dann nicht mehr, ich musste in der Elektrischen weinen, ich musste früher aussteigen, ich konnte mich nicht mehr halten. Ich wollte mich nicht mehr umsehen, aber ich musste und da stand mein lieber Junge und winkte mir bis ich ihn nicht mehr sah. O Gott, schütze mir meinen lieben guten Jungen.

Morgen werde ich noch mal an das Auswärtige Amt schreiben, ich will versuchen, noch mal mit dir in Verbindung zu kommen. Bully hat noch mal ihrer Freundin geschrieben, vielleicht hören wir doch einmal wieder etwas. Ich will aufhören, ich habe im Gefühl, das bald die Tommys kommen. Ich war heute auch mal, nachdem ich von Röbi Abschied genommen hatte, zur Frau Nanzig, sie ist so sehr einsam und freut sich immer, wenn ich auf ein Stündchen zu ihr komme, ich aber auch, sie ist so lieb und gut.

6 January 1942

My pen is at the menders but I must go on writing. Today my good Röbi went away again and this time it was definitely the last leave. I will have to wait a long time before I see him again. Where will it all end? It is unbearable for me. Oh God, what is the reason for all this? I took him as far as the city centre and then I could not  do anymore. I burst into tears on the tram in tears and I had to get off early because I could not control myself. I didn’t want to look back, but I did and my beloved boy waved to me until he could no longer see me. God protect my good beloved boy.

Tomorrow I will go again to the Foreign Office to try to make contact with you. Bully has written to  her friend. Maybe we will hear something. I will stop writing now because I have the feeling the Tommies will soon be here. After I left Röbi I went to Frau Nanzig. She is so lonely and is pleased if I spend an hour with her. Mind you it is nice for me as well, she is so good and kind.

Der erste Jahrestag / First Anniversary

Clare Westmacott im November 2021 bei einer Lesung aus dem Tagbuch in der Nähe von Köln. / Clare Westmacott reading from the diary in Nobember 2021 near Cologne.

https://klara-lotte-clare.net feiert seinen ersten Jahrestag. Am 10. Dezember 1940 begann Klara in Köln mit ihrem Kriegstagebuch für ihre Tochter Lotte, und 80 Jahre später erschien der erste Eintrag im Blog. Dass so viele Menschen mitlesen, freut uns sehr – wir machen weiter!  Alles, was bisher passiert ist, steht unter “Das Tagebuch“.

This is the first anniversary of https://klara-lotte-clare.net On December 10, 1940 Klara started her diary for her daugher Lotte who lived in England, and 80 years later the first entry was published in the blog. That it is read by so many people makes us happy – we will continue! You will find all that happened so far at “The Diary“.