Claire und Roberto / Claire and Roberto

Klara macht in ihrem Tagebuch keinen Hehl daraus, wie zerrüttet ihr Verhältnis zu ihrem 15 Jahre älteren Mann ist. Wie glücklich es einmal angefangen hatte, zeigt diese Postkarte, die Klara an “Roberto” schrieb, den “Cunstmaler” im Düsseldorfer “Atelier Haus”. / In her diary Klara makes no bones about the poor state of her marriage to Robert Seuffert, who was fifteen years older than she was. However, once upon a time it had been different as is evident in this postcard she sent with its affectionate greetings and the wish to meet again soon, and addressing Robert as “mio Roberto”!
“Die herzlichsten Grüße sendet und ein baldiges frohes Wiedersehen wünscht Claire”. Klara unterzeichnet also mit “Claire” – nicht ahnend, dass so 30 Jahre später ihre Enkelin in England heißen würde, wenn auch in anderer Schreibweise. Es ist nicht zu erkennen, wann die Postkarte abgestempelt wurde – irgendwann vor 1911, als Klara und Robert heirateten. / For some reason she signs herself “Claire”, the name her granddaughter in England would be given some 30 years later, even if spelled differently. Unfortunately it is impossible to read the date of the card’s posting, but obviously it was before they married in 1911.
1912 wurde Lotte geboren, die hier mit Klara zu sehen ist. / Klara and Lotte, who was born in July 1912.
Ein ganz ähnliches Bild gibt es von Lotte mit der kleinen Clare, die im Oktober 1940 geboren wurde. Als das Foto entstand, sollte es noch sieben Jahre dauern, bis Klara ihre Enkelin kennenlernen würde. / A similar photo was taken of Lotte with Clare, born October 1940. It would be seven more years before Klara and Clare could meet one another.

Abhauen, fort aus diesem Elend. / Clear off, an end to all this misery

Dass Klara nach dem Krieg bis zu ihrem Tod im Bergischen Land leben würde, klingt wie die Erfüllung eines Traums, den sie Ostern 1941, fast ohne jede Hoffnung, formuliert. Das Bild zeigt das von Clare Westmacott in der Einleitung beschriebene frühere Backhaus. / That Klara would live in the countryside near Cologne after the war for the rest of her life sounds like the fulfilling of her dream of Easter 1941, when she was desperate. The photograph shows the former bakehouse that Clare Westmacott describes in the introduction. For the English version of this entry, as always, please scroll down.

Ostern, 13. April 1941  

Es hat sich nicht viel ereignet hier zu Hause. Röbi schreibt immer seltener. Walter macht sich für sein nächstes Semester bereit. Luftangriffe waren auch nicht viele, werden zwar für die nächste Zeit angesagt, aber das wartet man ja besser ab. Dein Vater wird immer schwieriger. Jetzt droht er Walter wieder. Er hat ihm durch den Rechtsanwalt P., den er wohl auch mit jeweiligen Geschenken gefügig macht, gedroht, ihm sein Studium nicht zu bezahlen.

Ich hatte einmal eine Unterredung mit Kurt, der mir riet, jetzt mal ganz energisch auf meine Rechte zu pochen, zumal ich das auch sehr nötig habe, denn ich muss nun heute endlich mal was für meine Gesundheit tun. Ich gehe nun zu Frau Schuhmann zur wöchentlichen Behandlung. Mein Herz will nicht mehr, es hat schon zu viel abgekriegt, und sie meint, wenn ich nichts für mich tue, sehe ich meine Tochter nicht wieder. Ich habe es bis jetzt von meinen armen Groschen bezahlt, aber ich kann es nicht mehr, zumal ich Walter auch durchschleppen muss. Denn der Alte gibt mir nichts für ihn. Ja ihr habt einen herrlichen Vater.

Kurt sagt, ich solle mal verlangen, endlich Einblick in unsere Vermögensverhältnisse zu bekommen. Frau Schuhmann verlangt, etwas für meine Gesundheit zu tun, mit Walter fängt sein altes latentes Leben wieder an. Ich wünschte, ich könnte endlich mal von all diesem Elend fort. Das einzige, was ich möchte, abhauen. Fort aus diesem Elend. Aus diesem ewigen Gezeter deines Vaters. Ich könnte für ganz wenig Geld tief in Westfalen sehr ruhig und gesund den Krieg abwarten. Eine befreundete Familie hat mich eingeladen, aber dann habe ich Walter am Hals, ihn hier ernähren und dort leben kann ich nicht, das ist zu viel für meine Finanzen und ich kann Walter nicht hier alleine sitzen lassen.

Ich will es dem Schicksal und der Zeit überlassen. Vielleicht hat Letztere auch mal etwas Gutes für mich. Wann mag der Krieg zu Ende gehen. Mein Gott, je länger es wird, je verwickelter wird die ganze Sache. Der Hass wächst nur mehr. Jetzt auch noch der Balkan. Wie soll das noch werden. Ob wir uns je wiedersehen? Oft sage ich mir, wäre das doch alles nicht gekommen. Ja, wenn ich da nachdenke.

Was hat dein lieber Vater schon alles durch sein liebloses Wesen für Unheil gestiftet. Wäre er damals nur ein bisschen verständnisvoller gewesen, dann wäre das alles nicht gekommen. Dann wärest du hier geblieben. Aber wieder sage ich mir, Gott allein lenkt unsere Wege und er weiß auch, wofür er das alles geschehen lässt. Ja das ist auch mein einziger Trost, Gott will es so.

Mit Reinemanns komme ich nun auch nicht mehr zusammen. Nach dem Unglück in ihrem Haus mag Frau Reinemann nicht mehr dort schlafen, sie fühlt sich nicht sicher und fährt täglich abends nach Odenthal schlafen. Sie müssen dann schon früh am Nachmittag gehen. Ja und da fallen unsere Abende aus. Frau Floeck ist meist in Bonn bei ihrer Schwester, sie will auch nicht allein sein und so hab ich schließlich keinen Menschen mehr als Walter.

Ja, und das ist ein Kapitel, das mir nur Sorgen macht. Was soll aus dem noch werden. Auch das überlässt man am besten der Zeit. Ich kann es nicht ändern. Nun ist er schon 24 Jahr und noch immer nicht selbstständig. Röbi war lange nicht im Urlaub, er hat lange im Lazarett gelegen an Grippe. Ich wollte ihn besuchen, aber er wollte es nicht. Ja ich werde oft aus niemand klug. Nun ist er wieder besser, ob er wohl bald mal wieder auf einen Sprung nach Hause kommt, wenn es auch nur für Stunden ist, man hat sich mal wieder.

Und so sitze ich hier und denke zurück, denke an dich, wie mag Lotte wohl Ostern verbringen? Ja, ich denke nur an dich, ich denke nur nebenbei an deinen Mann und ich muss gestehen, auch nur nebenbei an dein Kind. Ich denke nur an dich und sehne mich nur nach dir. Ich freue mich und danke Gott, dass du heute Mutter bist, dass du etwas hast, was dein Leben ausfüllt, was du liebst und was dir alles ersetzt, was dir Arbeit macht, damit du über diese entsetzliche Zeit kommst.

Ich bete zu Gott, dass er dir dein Kind gesund erhalten und es dir zum guten Menschen erziehen hilft und es dir nicht zu schwer macht. Ja und ich danke Gott, dass du einen guten Mann hast, der dir in Allem Stütze ist, zu dem du gehen kannst und dein Herz ausschütten kannst, wenn es dir zu schwer wird. Ich glaube doch, dass du das kannst. Ja, Liebchen, nun will ich Schluss machen für heute. Ich konnte nicht schlafen und sitze hier allein, es ist Nacht oder vielmehr Morgen. Es ist genau 5.20 Uhr. Was mag der Tag bringen?

Anmerkung von Clare Westmacott: Kurt Korsing war ein Freund der Familie, gehörte zu ihrem engsten Kreis und war einst mit meiner Mutter verlobt gewesen. Er war Anwalt.

Der nächste Eintrag folgt am 19. Mai. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

Easter, 13 April 1941

Nothing much has changed here. Röbi writes rarely, Walter is getting ready for his new term. There have not been many air raids either, some forecast for the foreseeable future. We shall just have to wait and see. Your father is getting more and more difficult. He has been threatening Walter again. He has been trying to persuade Walter to give up his studies and has used a lawyer, Herr P., whom he has bribed with gifts to try to threaten Walter that he will not pay the fees.

One day I had a long talk with Kurt who advised me to take great care to protect my rights, which are becoming increasingly vital for my well being. I must do something about my health. I go to Frau Schuhmann my cardiologist for weekly consultations. My heart does not work properly anymore, it has already been damaged and she says if I do not do something about it I will never see my daughter again. Up to now I have paid her out of my few pennies but I cannot go on doing it particularly as I have to support Walter. The old man does not give me a penny for him. You three have got a magnificent father have you not?

Kurt has told me that I should insist on having sight of our financial position. Frau Schuhmann expects to be paid for my care and Walter has taken up his idle way of life again. I wish I could get away from here for good. Clear off. An end to all this misery and all your father’s nagging. I could live for very little money deep in Westphalia and peacefully and safely await the end of the war. A friendly family has invited me but I would have Walter hanging around my neck and my finances would not stretch to that and I could not leave Walter sitting here.

I will have to leave it to fate and time and hope that perhaps there are good things in store for me. When will the war be at an end? The hatred gets worse and worse and now it has started in the Balkans. How will it all end? Will we ever see one another again? I often say to myself, “if only this had not started.” Yes, when I think about it.

When I think back to how much sorrow your father has caused through his loveless ways. If only he had shown some understanding then all our unhappiness would not have started. You would have stayed here. Then again I think that God moves in mysterious ways. He holds the reins and He knows where we are going. It is my only comfort to believe that God wants it thus.

I do not get to see the Reinemanns very much anymore. After their misfortune with the house Frau Reinemann does not like to sleep there anymore, so every evening they go to sleep in Odenthal and have to leave here early in the afternoon. Frau Floeck is mostly in Bonn with her sister as she does not want to be alone here.

So really I have no-one apart from Walter who only causes me to worry. I do not know what will become of him. Time will tell. I cannot change him. He is twenty four years old and still not fit to be independent. Röbi has not been home on holiday for ages. He was in sick bay for a long time with flu.   I wanted to visit him but he did not want that. Anyway he is better now and I expect one of these days he will turn up if only for a couple of hours.   

And so I am sitting here and wondering how my Lotte will be spending Easter. I think only of you, then of your husband and child. I think of you and see you before me. I am so pleased and thank God that you are a mother and have something fulfilling in your life, that you love, for which you will put many things aside, who will make a lot of work for you, but who will help to distract you from this terrible time.

I pray to God to keep your child healthy and that He will help you to bring the child up to be a decent person who will not make life too difficult for you. And I thank God that you have a husband who supports you in everything and to whom you can go and open your heart when things become too difficult to bear. Now I will finish for today. I could not sleep and I am here alone in the night, or more accurately, morning. It is exactly five twenty a.m. What will happen today?

Note by Clare Westmacott: Kurt Korsing was a friend of the family, part of their social circle and had once been engaged to my mother. He was a lawyer.

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