15 Eier / 15 Eggs

Clare nach dem Krieg auf einem der Höfe, wo ihre Großmutter für Eier und Butter gearbeitet hatte. / Clare after the war on one of the farms where her grandmother had worked for eggs and butter.

23. Juni 1941

Eben komme ich in mein Zimmer zurück. Es ist sehr heiß und ich bin sehr elend von allem Laufen, bei den Bauern weit ab muss ich oft laufen, um ein paar Eier zu bekommen oder noch öfter, um keine zu bekommen. Aber dieses Mal habe ich 15 Stück bekommen und das kam so: Eine Bäuerin, die kurz vor ihrer Entbindung steht, hatte mich dazu ausersehen, ihren alten gebrauchten Kinderwagen von innen neu auszuschlagen. Und Liebchen, ich in diesen Dingen so ungeschickt und ich ungeduldige Person habe es gemacht und zum Entzücken der Bäuerin gut gemacht. Einen ganzen Morgen bei toller Hitze habe ich es für 15 Eier gemacht. Die habe ich dann redlich unter drei geteilt. 5 dein Vater, 5 Reinemanns, die mir auch immer so gut sind, und 5 ich.

Ja Lottenkind, wenn du dieses liest, haben wir ja alles hinter uns, auf diese oder jene Art. Vielleicht sitze ich dann bei dir, Liebchen, und wenn nicht, wird Bully es dir erklären, wie wir oft, sehr oft zusammen gesessen haben und hin und her überlegt haben. Jetzt haben wir nun schon 13 Nächte Luftangriff und der Tommy wird den Westen sehr oft noch beehren.

Heute Morgen kam ich aus dem Bergischen und sah den Bahnhof. Diese Zerstörung, und höre dann in unserem Sender: Der Feind flog mit geringen Kräften ein und verursachte geringen Sachschaden. Der „geringe Sachschaden” ist dann gewöhnlich so ungefähr: 17 schwere Bomben in die Werke in Leverkusen mit mindestens 40-50 Toten, oder ein Lufttorpedo reißt 4-6 Häuser fort, ebenso viele Tote, zerrissen oder mit geplatzten Lungen und dann hört man diese Meldungen. O deutsches Volk, dein glorreicher Führer sagt ja selbst in seinem Buch „Mein Kampf”: Das Deutsche Volk ist eine große Hammelherde. Wie lange noch?

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23 June 1941

I have just got back to my room. It is very hot and I feel exhausted from all the trailing round the isolated farms for a couple of eggs, or often trailing round to get no eggs at all. But this time I got fifteen. It happened like this. A farmer’s wife who was about to deliver her baby gave me the job of restoring her battered old pram. And my darling, I, who in these matters am so impatient and lacking in the skills of restoration let alone of panel beating, managed to do the job to the satisfaction of the farmer’s wife. It took me a whole morning in dreadful heat and for that I earned fifteen eggs. I have divided them into five for your father, five for the Reinemanns who are so good to me, and five for me.

By the time you read this, all this will be behind us one way or another. Perhaps I will be sitting with you and if not Bully will explain to you how often we have sat together talking about all these things.   We have now had thirteen nights of raids and Tommy will honour the West with his visits more often.

Today I came down from the Bergische Land and saw the destruction at the station and then heard on the radio,  “The enemy flew with few planes and did little damage.” Little damage usually means seventeen heavy bombs on a factory in Leverkusen with at least forty to fifty dead, or an air torpedo wipes out half a dozen houses with of course many dead, either torn to pieces or with their lungs having burst. And then one hears a broadcast like this. Oh German people, your glorious Führer said himself in his book Mein Kampf, “The German people are just one large flock of sheep.” How much longer?

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Diese größenwahnsinnigen Bonzen / Those megalomaniac big shots

Klara Mehlich-Seuffert nach dem Krieg. Klara Mehlich-Seuffert after the war.

22. Juni 1941

Und nun haben diese Dilettanten was sie verdienen. Russische Kriegserklärung. In dieser Woche hieß es noch, wir haben die Ukraine auf 99 Jahre gepachtet. Stalin wird in Berlin erwartet. Ich habe zu all diesem Unsinn gelacht und man hat mich als Meckerer hingestellt, wenn ich ihnen sagte, deutsche Invasion, nein, aber ich glaube nie an eine russische Freundschaft, und ich glaube eher noch an eine englisch-russische Verbindung als mit uns.

Ja, und so ist es nun gekommen und so glaube ich eher an eine englisch-amerikanische Invasion als an alles andere. Eines Tages werden wir eine Invasion erleben, wo H. in seinem kleinen Gehirn nie nie dran geglaubt hat. Diese größenwahnsinnigen Bonzen und ihre Trabanten haben das deutsche Volk schön an der Nase herumgeführt und das arme Volk muss auslöffeln, was ihm diese Abenteurerbande eingebrockt hat. Lottenkind, ich glaube, die Ereignisse werden sich jetzt überstürzen, aber wir werden noch viel Trauriges durchmachen müssen. Wann werde ich mal Ruhe und Frieden haben? Vieleicht nie.

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22 June 1941

Now these amateurs have earned something for themselves. A Russian declaration of war. Even this week they were saying that we will have the Ukraine for ninetynine years and Stalin was expected to visit Berlin. I laughed at all this rubbish and they all pointed the finger when I said I would never believe in a Russian friendship and that a Russian-English alliance was much more likely than one with us.  

And so it is. I believe an English-American invasion is more likely than anything else. One of these days we will experience an invasion such as Hitler with his tiny brain cannot ever have imagined. Those megalomaniac big shots and their henchmen have led the German people by the nose and the poor people have to pay the price for what these adventurers have set in motion. Lotte, my beloved child, I believe that the events will now be getting out of control, but I feel we will have to endure much more sadness and suffering. When will I find peace and quiet? May be never.

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Claire und Roberto / Claire and Roberto

Klara macht in ihrem Tagebuch keinen Hehl daraus, wie zerrüttet ihr Verhältnis zu ihrem 15 Jahre älteren Mann ist. Wie glücklich es einmal angefangen hatte, zeigt diese Postkarte, die Klara an “Roberto” schrieb, den “Cunstmaler” im Düsseldorfer “Atelier Haus”. / In her diary Klara makes no bones about the poor state of her marriage to Robert Seuffert, who was fifteen years older than she was. However, once upon a time it had been different as is evident in this postcard she sent with its affectionate greetings and the wish to meet again soon, and addressing Robert as “mio Roberto”!
“Die herzlichsten Grüße sendet und ein baldiges frohes Wiedersehen wünscht Claire”. Klara unterzeichnet also mit “Claire” – nicht ahnend, dass so 30 Jahre später ihre Enkelin in England heißen würde, wenn auch in anderer Schreibweise. Es ist nicht zu erkennen, wann die Postkarte abgestempelt wurde – irgendwann vor 1911, als Klara und Robert heirateten. / For some reason she signs herself “Claire”, the name her granddaughter in England would be given some 30 years later, even if spelled differently. Unfortunately it is impossible to read the date of the card’s posting, but obviously it was before they married in 1911.
1912 wurde Lotte geboren, die hier mit Klara zu sehen ist. / Klara and Lotte, who was born in July 1912.
Ein ganz ähnliches Bild gibt es von Lotte mit der kleinen Clare, die im Oktober 1940 geboren wurde. Als das Foto entstand, sollte es noch sieben Jahre dauern, bis Klara ihre Enkelin kennenlernen würde. / A similar photo was taken of Lotte with Clare, born October 1940. It would be seven more years before Klara and Clare could meet one another.