Warum sollte meine Tochter keinen fabelhaften Sohn haben / Why should my daughter not have a fabulous son

Nigel, gemalt von seinem Onkel Röbi. /Nigel, portrait by his uncle Röbi.

16. Februar 1944

Ja, und nun habe ich inzwischen wieder Post von dir. Also wie du selbst sagst, dein Sohn ist fabelhaft. Ja, eine Mutter muss es ja am besten wissen und . Ich habe ja auch fabelhafte Kinder. Sieh dir mal Röbi an. Ja, ich will dir wünschen, dass dein Sohn wie mein Sohn wird. Ja, und Walter bestimmt nicht zu vergessen. Er ist es auch. Er muss viel leisten, viel hungern und entbehren, denn er ist kein Schieber, der das Elend anderer ausnutzt.

Ja, und mein Röbi. Ich weiß, er hat viel, viel durchgemacht und macht viel mit, was ich vielleicht nie gewahr werde. Ja, und mein Lottenkind, wenn sie auch die Ihren alle beisammen hat, trotzdem fehlen ihr doch die Menschen, die ihre Liebe verdienen und womit sie immer verbunden sein wird, auch wenn uns heute Krieg, Hass, Länder und Meere trennen, ihre Eltern, ihre Brüder und ich, ich weiß, viele Sorgen machen wir dir, wie oft wirst du noch und wie oft hast du in Angst um uns gebangt und auch zu Gott, dem Allmächtigen für uns gebetet, und er hat uns bis jetzt auch immer in seinen Schutz genommen und er wird es weiter tun und uns wieder zusammenführen.

Augenblicklich bin ich krank, sehr erkältet. Vorige Woche habe ich noch einige Möbel nach hier geholt. Ich hatte seit vor Weinachten auf den Spediteur gewartet und endlich sollte ich denn doch an die Reihe kommen. Ich musste in Großalarm, in Eis und Schneesturm die schweren Möbel mit aufladen, denn der Mann hatte niemand und ich konnte niemand bekommen. Ja, und endlich waren wir so weit und fuhren mit dem offenen Lastauto los. Es schneite fühlbar und ich rechnete damit, dass wir in einer Stunde schneller Fahrt im Schloss wären.

Aber der Mann, schon einmal in Köln, musste viel erledigen, und ich saß bei ihm vorne und fror und fror. Bis er in allen Stadtteilen seine Sachen erledigt hatte, waren wir 4 Stunden weiter und dann ging es los und nach 5 Stunden war ich denn da. Meine Sachen, die offen dem Schnee und Eis ausgesetzt waren, mussten nun schleunigst vom Wagen und halberfroren musste ich mich nun drangeben und alles abledern und trocknen und nachts um 1 Uhr war ich so weit, dass ich ins Bett konnte.

In der Nacht hatte ich dann hohes Fieber, tollen Husten und dachte, nun bekommst du die Lungenentzündung und liegst hier mutterseelenallein unter Fremden, kein Arzt und keine Menschen, der dir nahe ist. Ja, wie mir war, kannst du dir ja denken. Es ist nun heute besser, aber ich muss mich schonen, ich huste stark, leide viel unter Pleuraschmerzen.

Gestern Abend kam Walter in Urlaub, ich holte ihn in Köln ab. Er freute sich ebenso wie ich uns endlich mal wieder zu haben. Ich fuhr mit Frau Jansen, die, nur um mal nach einem Jahr Walter wiederzusehen, zu uns auf einige Tage gekommen war, nach Köln, wir fuhren mit dem Abendzug im Dunkel hier ab und kamen natürlich in den Alarm. Der Bahnhof dunkel, wir gingen zum Bahnsteig, und erwarteten ihn. Ja, und da kam der Zug wider Erwarten pünktlich und bald lagen wir uns in den Armen.

Dann aber schnell zum Zug, den wir noch glücklicherweise erreichten, um dann gegen unser stilles Schloss zu fahren. Wir waren froh wie wir Köln hinter uns hatten und wie wir dann oben waren, haben wir bis in die Nacht hinein erzählt und erzählt. Heute ist Walter mit Frau Jansen nach Köln, um bei der Wehrmacht seine Sachen zu erledigen, auch in unser Haus zu gehen, welches jetzt Zwangseinmietung von Fliegergeschädigten hat. Aber davon ein andermal. Ich bin jetzt müde. Übrigens wissen wir noch immer nicht, wie dein Sohn heißt. Warum nicht? Ist das ein Geheimnis?

Der nächste Eintrag folgt am 29. Februar. Alle bisherigen Einträge auf der Seite “Das Tagebuch”.

16 February 1944

Since I last wrote I have once again had a letter from you. Well you say your son is fabulous. Mothers know best and why should my daughter not have a fabulous son. I have fabulous children. Take Röbi for example. I hope your son will be just like my son. And I must not forget Walter. He is wonderful too. He has a hard time with all this starving and suffering as he is not a black marketeer who would exploit other people’s distress.

And then my beloved Röbi. I know he has been through a great deal and probably through a lot I do not know about. And you my dearest Lottchen even though you have your own family and are safe there are those who deserve your love even though separated by hatred, land and sea because of this bitter war, your parents, your brothers. I know we are the cause of worry for you and how often you must have been and will be afraid for us and have prayed to God Almighty who up to now has taken us into his care and protection and will do so in the future and will reunite us.

At the moment I am ill with a very bad cold. Last week I brought some furniture up here. I had been waiting since Christmas to get a removal van. Finally it was my turn and I had to help to load the van in ice and snow and to cap it all there was an alarm. There was only one man with the van and I could not get anyone else so I had to help him with the heavy furniture and then eventually drive up here in the open lorry. It was snowing and I reckoned we would reach the castle after an hour’s fast drive.

But the man had a lot to sort out in Cologne first so I sat in the front with him and froze. It took him four hours to get his things done and after five hours we reached the castle and I was frozen. It snowed and snowed and it was one o’clock in the morning before we had to unload my things that had been out in the open, in snow and ice, and I had to wipe it all dry and only then I could go to bed at one in the morning.

I got a high temperature and a bad cough and I thought I might get a pneumonia and so I am lying here alone, with no doctor and with no one who is dear to me. You can imagine how I have felt. I am feeling a bit better now but I have to be careful, I am still coughing heavily and suffer from chest pain.

Walter came home on leave last night and I collected him from Cologne. He was as pleased as me to see one another. I went with Frau Jansen who had not seen Walter for a year and had come to stay for a few days. We went on an evening train to meet him in Cologne and naturally arrived in the middle of an air raid at the pitch dark station. We went to the platform to wait for Walter’s train and surprisingly it arrived promptly and soon we were hugging.

Then we went as quickly as we could to the train to get to the silent castle. We were pleased to have Cologne behind us and we all sat and talked and talked until late into the night. Today Walter and Frau Jansens have gone to Cologne as Walter had to report to the army, and they sorted some things out at the house where people who lost their houses have been sent to live by the authorities. But I will write about that another time. I am tired now. By the way we still do not know the name of your son. Is it a secret?

Next entry on February 29. For all entries up to the current date see “The Diary”.

Clare’s Memories – Clares Erinnerungen

Clare Westmacott hat ihre Großmutter auf dem Hof im Bergischen Land zum ersten Mal 1948 besucht – und danach immer wieder. Sie hat ihre Erinnerungen daran aufgeschrieben, an die Menschen und die Pferde, an Sprünge ins Heu und in dampfenden Kuhmist, an die Tränen, wenn sie und ihr Bruder Nigel nach den Ferien Abschied nehmen mussten. All das ist auf der Seite Clare’s Memories zu lesen.

Clare Westmacott visited her grandmother on the farm outside Cologne for the first time in 1948 – and many times in the years to come. She has written down her memories of people and horses, of jumps into hay and steaming cow dung, and of tears when she and her brother had to go home after the holidays. You can read it all on the page Clare’s Memories.